Am Leben erkrankt

UNIVERSITÄT MOZARTEUM / EUGEN ONEGIN

26/01/17 Tschaikowski hat sein Meisterwerk über den vom Lebensüberdruss geplagten und am Leben leidenden Dandy einst für das Moskauer Konservatorium geschrieben. Seither gehört das Werk zum Repertoire. Der aktuelle „Eugen Onegin“ der Universität Mozarteum ist weit mehr, denn eine „Opernschul-Aufführung“ - größere und große Häuser könnten stolz sein auf diese musikalisch und szenisch überzeugende Produktion.

Von Heidemarie Klabacher

Fünf schräg im Raum stehende ansteigende Podeste unterschiedlicher Höhe. Sonst nichts. Ein kargeres und zugleich effektvolleres Bühnenbild ist kaum mehr möglich. Der Boden ist nicht ganz glatt, kleinste Unebenheiten werfen in der raffinierten Lichtgestaltung von Alexander Lährm effektvolle Schatten. Im Laufe der sieben Bilder heben sich die fünf Podeste auf ein einheitliches Niveau – aus den intimen Räumen werden so der Ballsaal oder der Duellplatz.

Die „Lyrischen Szenen in drei Akten und sieben Bildern“ auf einen Text nach Alexander Puschkin – Tschaikowskis op. 24 – sind eine Gemeinschaftsproduktion der Departments für Musiktheater, für Bühnen- und Kostümgestaltung und Film- und Ausstellungsarchitektur und des Orff-Instituts. Gesungen wird in russischer Sprache, erfreulich sind die deutschen Übertitel. Es spielen und singen das Sinfonieorchester und der Chor der Universität Mozarteum unter der musikalischen Leitung von Gernot Sahler in der Regie von Alexander von Pfeil im Bühnenbild und in den Kostümen von Eric Droin und Anna Brandstätter.

Requisiten? Ein paar Bücher und Hefte für Tatjana, ein paar Teegläser für die alte Amme zum Aufpäppeln ihrer Schutzbefohlenen, ein Seesack für den zurückkehrenden Onegin: Geradezu radikal reduziert diese Ausstattung. Die weitgehend zeitlosen Kostüme von Anna Brandstätter spielen unaufdringlich mit Zitaten der Entstehungszeit der Oper. Dass im Mütterchen Russland nicht mehr alles ganz idyllisch ist – sprich die Revolution vor der Tür steht – wird ebenso unaufdringlich deutlich gemacht: etwa wenn die Bauern die ihrer geliebten Gutsherrin und „Ernährerin“ huldigen und dabei von Polizisten? Agenten? - irgendwelchen Schergen jedenfalls – im Zaume gehalten oder niedergeknüppelt werden. So bekommt die intime Beziehungsstory mit wenigen gekonnt gezogenen Strichen eine da und dort gesellschaftskritische, ja politische Dimension.

Die Gutsherrin Larina also hat zwei Töchter, die fröhliche Olga und die nachdenkliche Tatjana. Erstere liebt von Kindheit an den Dichter Lenski, zweitere verliebt sich auf den ersten Blick in dessen charismatischen und lebensüberdrüssigen Freund Eugen Onegin. Tatjana gesteht diesem brieflich ihre Liebe und wird von Eugen belehrt, dass so was nicht klug und er für die Ehe ohnehin nicht geeignet ist. Onegin verlässt die Provinz, nach dem er seinen Freund eifersüchtig gemacht und dann im Duell erschossen hat. Nach einer ziellosen Reise über zwei Jahre kommt er zurück und findet Tatjana als Fürstin Gremin.

Jede einzelne dieser größeren – und auch jede einzelne der kleineren Rollen – ist in der aktuellen Produktion mit hervorragenden jungen Sängerinnen und Sängern besetzt. Darstellerisch typgerecht und sängerisch überzeugend: Eleonora Fratus als Larina, Anna Samokhina als Tatjana, Melissa Zgouridi als Olga, Santiago Sánchez als Lenski und Darian Worrell als Eugen. Das war die Premierenbesetzung. Man sei stolz darauf, heißt es ist im Programmheft „dass zwei gleichwertige Besetzungen singen werden“.

Gernot Sahler am Pult des Sinfonieorchesters der Universität Mozarteum gibt eine durchaus kräftige handfeste Orchestergrundlage vor, die dennoch die Stimmen nie verdeckt, sondern so tragfähig wie inspirierend ist. Die unendlich vielen Cello-Soli, aber auch die schmachtenden Soli etwa von Klarinette, Oboe oder Horn – sie blühen auf mit Emphase und Emotion, aber ohne Pathos. Gerne leidet, hofft und bangt man mit den Protagonisten, deren Charaktere im Laufe der Handlung sich entwickeln und reifen dürfen. - Bravi!

Eugen Onegin – weitere Aufführungen im Großen Studio der Universtität Mozarteum Donnerstag (26.1.) und Freitag (27.1.) jeweils um 19 Uhr und am Samstag (28. 1.) um 17 Uhr - www.uni-mozarteum.at

Bilder: Universität Mozarteum/Christian Schneider