Liebesverrat? Kapitalismuskritik? Zaubermärchen

ARGEkultur / BUNGEE JUMPING

21/09/16 Ein unmoralisches Angebot. Soviel ist klar. Aber wo wird es gemacht? Im Märchen? In der menschlichen Einsamkeit? Oder doch in der wirtschaftlichen Realität des „Geld ist alles“? „Bungee Jumping oder Die Geschichte vom goldenen Fisch“ von Jaan Tätte ist ein virtuos konstruiertes Theaterstück - hochaktuell, dabei poetisch, vielschichtig, abgründig und vergnüglich.

Von Heidemarie Klabacher

Es ist eine bösartige Parabel auf das moderne Wirtschaftleben, ganz aktuell also – und dabei so voller Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung, wie wenige zeitgenössische Theaterautoren sie dieser Tage aufzubieten wissen. Ohne erhobenen Zeigefinger, ganz ohne Pathos, dafür mit viel für menschliche Verführbarkeit und noch mehr Sinn für das Theater und den Einsatz seiner Mittel. Vor allem spielt der Autor virtuos mit Märchen-Motiven und Motiven aus der Mythologie.

Die Salzburger Erstaufführung des vielfach preisgekrönten Stücks „Bungee Jumping oder Die Geschichte vom goldenen Fisch“ des 964 in Estland geborenen Autors und Schauspielers Jaan Tätte ist eine Koproduktion von ARGEkultur und „theater.direkt“. Michael Kolnberger führte Regie im Raum von Arthur Zgubic, einem flachen Becken mit Tisch und Sessel als einzigen Requisiten. Das Wasser im Becken geht den Protagonisten zwar nur bis zu den Knöcheln, vom „feeling“ her, steht es ihnen bis zum Hals. Die Situation ist vom ersten Augenblick an so schräg wie beängstigend.

Die Umsetzung des geschliffen ins Deutsche übersetzten Textes ist klar und schnörkellos. Gesprochen wird ausgezeichnet immer im richtigen Tempo. Larissa Enzi als Laura, Wolfgang Kandler als Roland, Jurij Diez als geheimnisvoller Osvald werden dem da und dort beinahe lyrischen Duktus des Textes hervorragend gerecht. Bina Blumencron – als Pizzalieferantin oder Mafiaboss, das bleibt Geheimnis – treibt mit Gusto auch einen sprachlichen Keil in die Story.

Ach ja, die Story: Ein junges Paar, er ein durchaus vermögender Werbe-Fuzzi, fährt ausnahmsweise per Autostop, gerät in ein Gewitter, verirrt sich in der Wildnis und findet Aufnahme bei einem Einsiedler. Fischer? Gauner? Psychopathen? Wer Osvald wirklich ist, bleibt ebenfalls offen. Jedenfalls fährt er auf Laura, oder auch nur deren Bildnis, total ab, und macht Roland das besagte unmoralische Angebot…

Wie schön! Theater, wie Theater sein soll – magisch.

Zwei weitere Aufführungen gibt es am Mittwoch (21.9.) und morgen Donnerstag (22.9.) im Studio der ARGEkultur – www.argekultur.at
Bilder: ARGEkultur/Piet Six