Zum Totlachen ernst

OPEN MIND FESTIVAL / IMMERSION. WIR VERSCHWINDEN.

11/11/16 „Zuerst verarschen wir uns selbst“, versichert Regisseur Martin Gruber, Gründer und Leiter des „aktionstheater ensemble“ (Wien). Nichts läge Martin Gruber ferner, als sich und die Seinen als moralische Besserwisser, als Straßenverkäufer für fein gewebtes Gutmenschentum auf die Bühne zu schicken.

Von Reinhard Kriechbaum

Auch in der neuen Produktion, „Immersion. Wir verschwinden.“ hält er es so: Wir können ziemlich gestörte Typen bei einem ungemein temperamentvollen und ur-witzigen Danse macabre beobachten, zielstrebig hinaus aus der realen Welt. Das passiert beileibe nicht schleichend, sondern wortstark, gestenreich und mit Musik. Wäre Frust als Materie greifbar, läge er in großen Haufen herum. Aber da ist mal nichts als eine mit kleinen viereckigen Matten in Schuhabstreifergröße belegte Spielfläche. Dort berichten die drei Leute von dem, was sie für sich als Tort, als Zurücksetzung oder Abstieg, als erfolgreiche Attentate aufs Selbstwertgefühl erleben.

Sie alle fühlen sich nämlich auf der Looser-Seite: Der Poet hat auf einer VIP-Hochzeit ein Gedicht vortragen dürfen. Nicht seinen Namen, sondern jene der Ehrengäste sind in der „Bunten“ und in der FAZ erwähnt worden. Um nichts besser geht es seinem Schauspielerkollegen: Das Casting per Facebook war freilich rasch positiv erledigt. Dass es keine Hauptrolle wird in dem Film, der im Himalaya gedreht wird, hat sich umso schneller heraus kristallisiert. Andere werden zum Bettnässer, wenn sie leiden müssen wie ein Hund. Dieser eine wird zum Bühnenpinkler. Auch nicht so toll.

Die junge Frau in der Runde ist vielleicht am besten dran, auch wenn sie oft den Tränen nahe scheint: Sie kann sich emotional grandios hochschaukeln im Ärger über eine Kollegin, die mit einem Werbefilm für eine steirische Provinzstadt Erfolg hat. Und sie wird zur Wutbürgerin, weil das Schleckeis durchgefroren ist. Einen neuen Jolly dürfe sie sich aussuchen? Also bitte: Hier geht’s nicht ums Eis, sondern ums Prinzip!

Wie man den Begriff „Immersion“ (den Ausstieg aus der realen Welt in virtuelles Schein-Dasein) auch genau definiert: All diese so wunderbar normal gestörten Typen spinnen sich ein in ihrem vermeintlichen Unglück, was von außen betrachtet über die Maßen komisch anmutet. Selten so gelacht als über die Tragödien dieser Grands Guignols eines nicht bewältigten Alltags. Ihr Scheitern ist zum Totlachen ernst.

Dieser Tage erst haben Martin gruber und seine Truppe den Nestroy-Preis für die beste Off-Theater-Produktion („Kein Stück über Syrien“) entgegen genommen. „Schnelle Eingreiftruppe“, schrieb die Nestroy-Jury, „was unter den Nägeln brennt, gehört auf die Bühne“. Die aktuelle Produktion hatte im Rahmen des „Open Mind Festivals“ in der Salzburger ARGEkultur ihre Uraufführung, wandert weiter ins Wiener WerkX-Edlorado (ab 25. November) und geht dann in den Spielboden Dornbirn (Vorarlberg).

Michaela Bilgeri (ein famoses Temperamentsbündel), Martin Hemmer (das ist der gescheiterte Bergfilm-Star) und Andreas Jähnert (der Poet in der Runde) sind die drei, die einander in ihrer Suada immer wieder ins Wort fallen. Vertraute Formulierungen, banaler Alltags-Sprech wird zur hochmusikalisch und genau synchronisierten Textfläche, aufgebrochen durch ironische Popsongs, die Sonja Romei (die Sängerin auf der Bühne) und Kristian Musser am Mischpult anführen, zu denen aber die drei Schauspieler nicht minder beitragen.

All das hat ansehnlichem Humorwert, man kann es als grenzgenial einstufen – andere Zuschauer mag es rasend machen. Genau das ist wohl bezweckt. Nur kalt darf und wird es einen nicht lassen. Der Ausstieg aus der echten Welt: das ist der Moment, da sich die drei Protagonisten als Mitglieder eben des „aktionstheater ensemble“ wiederfinden, als Spieler in einer Tragikomödie. Trump ist schon Wirklichkeit, ein Rechtsruck droht? Komödie habe immer funktioniert, versichern sie einander. Halten wir die Daumen, dass sie recht haben.

Weitere Aufführungen am 12. und 13. November, jeweils 20 Uhr, im Rahmen des „Open Mind Festivals“ in der ARGEkultur – www.argekultur.at; www.aktionstheater.at
Bilder: ARGEkultur / Michael Größinger
Zum Vorbericht über das „Open Mind Festival“
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