Apollo ist per Video zugeschaltet

LANDESTHEATER / DIE ILIAS

18/11/16 Was sagt uns die Ilias des Homer? Die alten Griechen agierten samt ihren Göttern so, dass sie uns keinesfalls als Vorbilder dienen können. Das Salzburger Landestheater spielt eine dramatisierte Fassung des Epos von Homer.

Von Werner Thuswaldner

Wollte jemand die ganze „Ilias“ mit ihren fast 16.000 Versen auf die Bühne bringen, der würde ein Theater gleich für ein paar Tage blockieren. Der Intendant des Salzburger Landestheaters, Carl Philip von Maldeghem, benötigt dazu – die Pause eingerechnet – nicht mehr als zweieinhalb Stunden. Geboten wird eine Auswahl von Szenen, die exemplarische Phasen der Prosadichtung wiedergibt. Positiv ist zu registrieren, dass sich die Fassung ohne Eigenmächtigkeiten, ohne Flapsigkeiten an den Text hält, wie ihn der Übersetzer Johann Heinrich Voß übertragen hat, sodass sich viel von der Wucht der Dichtung vermittelt.

Wenn sich die Besucherinnen und Besucher ein wenig vorinformieren, ist das nicht von Schaden, denn die Handlung ist komplex und zunächst nicht sehr übersichtlich, weil im Trojanischen Krieg, der schon neun Jahre dauert, nicht nur die Trojaner auf der einen Seite und die Griechen – genannt „Achaier“ – auf der anderen Hauptbeteiligte sind, sondern weil sich auch die Götter unentwegt einmischen und ihrerseits ihre Konflikte austragen.

Aber die Nebel lichten sich, die einzelnen Akteure werden plastischer. Der Regisseur ist darauf bedacht, die Geschichte handfest und nicht allzu abstrakt erscheinen zu lassen. Er hat sich auch das Bühnenbild ausgedacht: zwei Haufen riesiger Reifen – von einem Bagger, einer Zugmaschine? – liegen da, auf denen es sich herumturnen lässt, und einzelne Reifen können hie und da über die Bühne gerollt werden. Sie sehen bedrohlich aus. Das ist das Wichtigste. Zurückhaltende Musik und Lichteffekte verdichten die Atmosphäre.

Es ist was los. Wohl gehen den kriegerischen Aktionen jeweils gehörige Wortgefechte voraus, aber dann geht es zur Sache. Und dabei sieht es, wenn beispielsweise der Grieche Achilles und der Trojaner Hektor aufeinander losgehen, fast nie wie Indianerspielen, sondern sehr ernst aus.

Kompliziert ist der Handlungsablauf nicht zuletzt deshalb, weil einander nicht nur die beiden Lager der Trojaner und der Achaier gegenüberstehen, sondern weil Feindschaften auch innerhalb dieser beiden Lager ausbrechen. Und dazu machen, wie gesagt, die Götter mit ihrer Parteinahme und ihren persönlichen Problemen Zores. Ja, um Zores geht es, genauer gesagt, um Zorn. Der Zornigste ist Achilles. Er wütet gegen Hektor, der seinen besten Freund auf dem Gewissen hat. Durch die beiden kommt jede Menge Aktion ins Spiel. Die Waffen sind hauptsächlich lange schwarze Stäbe.

Wie eng verklammert die Welt der Götter mit jener der Menschen ist, zeigt die Tatsache, dass Christoph Wieschke nicht nur Zeus ist, sondern auch Priamos, König von Troja. Als Zeus hat er Probleme mit seiner Frau Hera (Frances Pappas) und macht mit seinen menschlichen Qualitäten keine souveräne Figur. Athene, die wir uns, weil sie die Göttin der Weisheit ist, als gesetzte Frau vorstellen, ist hier eine graziöse Tänzerin (Anastasia Bertinshaw), die für sehr viel Dynamik sorgt. Die Götter sind übrigens sprachgewandt. Athene ist des Englischen mächtig, Hera spricht Griechisch, ebenso Aphrodite (Sabrina Amali), die durch ihren mädchenhaften Charme auffällt. Apollo, der per Video zugeschaltet wird, macht seine Statements auf Russisch. Globalisierung war also schon in der Antike ein Thema.

Die Gruppen der Krieger setzen sich durchaus aus Individualitäten zusammen. Der große Agamemnon (Gregor Schulz) agiert meist souverän, Achill (Gregor Schleuning) ist dagegen ständig aufgebracht und schont seine Stimme nicht. Odysseus (Marco Dott) ist ein sympathischer Kauz, Paris im Goldjäckchen (Yascha Finn Nolting) scheint sich viel von dem Komiker Otto abgeschaut zu haben. Hektor (Hanno Waldner) muss kämpferisch viel rackern, findet zwischendurch aber noch Zeit, seinen Baby-Sohn Astyanax zu herzen. Helena (Julienne Pfeil) arbeitet mit viel Körpereinsatz.

Der Applaus galt einem mutigen Vorhaben, das in großen Zügen geglückt ist.

Aufführungen bis 12. März 2017 – www.salzburger-landestheater.at
Bilder: Salzburger Landestheater / Anna-Maria Löffelberger