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Olympische Faust-Spiele unter der Linde

LANDESTHEATER / FELSENREITSCHULE / FAUST II

14/10/13 Diese Produktion könnte auch „Mephisto II“ heißen. Der Teufel, der Faust begleitet und der ihn lenkt, hat die dominierende Rolle – nicht zuletzt durch die Art, wie sich Regisseur Philip von Maldeghem die Textvorlage Goethes zurecht gerichtet hat. Und der Darsteller Sascha Oskar Weis wird der riesigen Rolle, als Strippenzieher, einfallsreicher Zauberer und Trickser im Zentrum zu stehen, auch wirklich gerecht.

Von Werner Thuswaldner

046Doch der Reihe nach. Die Inszenierung im Jubiläumsjahr des Landestheaters ist als Reminiszenz an Max Reinhardt zu verstehen, der in der Zwischenkriegszeit des vorigen Jahrhunderts die Felsenreitschule gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Clemens Holzmeister zur „Fauststadt“ gemacht hatte. Den ersten Teil der Tragödie führt das Landestheater im Stammhaus am Makartplatz auf, der zweite Teil, der bekanntlich herkömmliche Theaterdimensionen sprengt, braucht Raum, um sich entfalten zu können. Der ist in der Felsenreitschule, um dort ein gehöriges Spektakel abzuziehen, in ausreichendem Maß gegeben. Dort fordert Intendant Philipp von Maldeghem sein Landestheater-Ensemble bis zum Äußersten.

047Maldeghem mutet seinem Publikum nicht wie etwa Peter Stein zu, viele Stunden mit „Faust II“ zu verbringen und möglichst nichts, was Goethe mit seiner überbordenden Phantasie eingefallen ist, zu unterschlagen. Der Abend hat in der Felsenreitschule durchschnittliche Länge und es fragt sich, was sich in so knapp bemessener Zeit alles unterbringen lässt. Das Tempo ist hoch, man spürt ehrgeizigen Sportsgeist.

Faust wird nach seinen Abenteuern im ersten Teil aufgeweckt, Mephisto spornt ihn zu neuen Unternehmungen an und schon treiben die beiden am Kaiserhof ihr Unwesen. Das ist eine gelungene Szene mit deutlichen Verweisen auf unsere Gegenwart. Es geht um die Frage, woher die Mittel kommen sollen, die ein Staat mit seinem Heer für die vielen Aufgaben braucht. Mephisto weiß Rat. Die Lösung ist das Papiergeld, das von den Arkaden der Felsenreitschule herunter rieselt. Optionen auf Schätze, die vermutlich im Boden ruhen und gehoben werden müssen, sichern angeblich seinen Wert. Heute erleben wir, wie diese Anfänge von Luftgeschäften inzwischen zu höchster Perfektion den Finanzmarkt bestimmen.

048Der Glaube daran, dass alles machbar ist, hat Konjunktur. Der im Labor geschaffene künstliche Mensch wird Realität und bewegt sich in einer durchsichtigen Kugel fort. Nachdem er sich daraus befreit, erlebt das Publikum eine erstaunliche artistische Vorführung in luftiger Höhe.

Ein weiterer Themenkomplex, der nicht allzu sehr verknappt wurde, ist der Ausflug in die Welt der Antike. Das ist fremdes Terrain für Faust und Mephisto, die aus dem Norden kommen. Fausts Verbindung mit Helena, der schönsten Frau der Welt, gelingt nicht. Nur kurze Zeit stehen sie mit ihrem Sohn Euphorion in der Mitte als ideale Kleinfamilie da. Der Nachwuchs stürzt sich in ein tödliches Abenteuer, und Helena klinkt sich aus dem Experiment aus.

051Gegen Schluss hat dann Faust doch noch Gelegenheit, sich als Macher zu erweisen. Er glaubt, ratz fatz, die ideale Gesellschaft arrangieren zu können. Indem er als Kolonisator wirkt, für ein Grundgehalt plädiert und für gute Internetverbindungen sorgen will. Das steht nicht bei Goethe, sondern ist nur als sinnfällige Ergänzung gedacht. Freilich beruht dies alles auf Selbsttäuschung. Was bleibt, ist große Skepsis. Faust stirbt, und nichts von seinen kühnen guten Plänen wurde wahr. Auch Mephisto wird enttäuscht. Fausts Seele bekommt er, entgegen der vertraglichen Vereinbarung aus dem ersten Teil der Dichtung, nicht.

052Dies alles wird kurzweilig vorgetragen und weitgehend so verdeutlicht, dass die nicht immer einfachen Zusammenhänge einigermaßen einsichtig werden. Ausstatter Christian Floeren hält sich mit Bauten zurück und lässt den wegen seiner Arkaden, die immer wieder in verschiedenem Licht erscheinen und zwischendurch auch bevölkert werden,  attraktiven Raum für sich sprechen. Links steht – freilich blattlos – die berühmte Linde, die ja durch viele Jahrzehnte hindurch tatsächlich als ein kultartiges Element, als ein kleines Stück echter Natur, die Bühne geziert hat. Die meisten Figuren tragen heutiges Zivil, Mephisto darf ein Flitterkostüme und diverse Verkleidungen anlegen.

050Am Werk ist ein respektables Ensemble und dazu ein Pulk aus meist jugendlichen Hilfskräften, die als Chor, als Soldaten, Elfen und noch vieles mehr agieren. Immer wieder trippeln sie von links und rechts in Scharen herein, bewegen sich in Disco-Stimmung und kommentieren das Geschehen mit Applaus und Jubelausbrüchen. Häufig zeigen sie sich sportlich kostümiert, so dass Assoziationen zur Eröffnung olympischer Spiele wach werden.

Sascha Oskar Weis als Mephisto ist hier schon gelobt worden, für seine Leistung in derb Tragödie erstem Teil. Seine sprecherische Leistung macht Eindruck. Mit der Art, wie er sich exzessiv bewegt und ein großes Repertoire an Gesten einsetzt, schafft er eine facettenreiche Gestalt. Christoph Wieschke als Faust spielt nicht den Übermenschen. Dieser Faust erlebt zwar Phasen des Hochgefühls, sein Versagen, sein Absturz zuletzt, sind schon immer mitgedacht.

049Gut vernehmlich agiert Walter Sachers-von Philippovich als Kaiser, ebenso wie Diana Marie Müller, Marco Dott und Axel Meinhardt als dessen Klüngel, der ihn umgibt. Dass eine Verteidigungsrede in der Form eines Schlagzeugsolos gestaltet werden kann, führt Gero Nievelstein als Lykeus vor. Beatrix Sorge ist Helena, deren Gesicht, bevor sie persönlich erscheint, auf die Arkaden projiziert wird. Schon hier wie auch später lächelt sie viel. Eine so lange weiße Schleppe hinter sich herziehen zu müssen, ist kein Kinderspiel.

Besonders erwähnt müssen noch Shantia Ullmann als Homunculus und Tim Oberließen als Euphorion werden. Beider, bis an circensische Qualitäten heran reichende Beweglichkeit  ist bewundernswert.

Das Publikum bedankte sich mit lang anhaltendem Beifall. Grund zu Unzufriedenheit gab es im Großen und Ganzen ja wirklich nicht.

Aufführungen bis 16.11. in der Felsenreitschule. - Am 26.10., 9.11. und 16.11. werden Faust I (im Landestheater) und Faust II hintereinander gegeben. - www.salzburger-landestheater.at
Bilder: Salzburger Landestheater / Christina Canaval

 

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