Für das gute Ende braucht es ein Wunder

SCHAUSPIELHAUS / HIOB

18/09/15 In seiner dramatisierten Form erlebt der Roman „Hiob“ von Joseph Roth aus dem Jahr 1930 in jüngerer Zeit einen kolossalen Popularitätsschub. Dutzende Theater spielten „Hiob“. Der Roman war seit seinem Erscheinen die meiste Zeit verfügbar, aber zuzuschauen ist vermutlich bequemer als zu lesen.

Von Werner Thuswaldner

Nun eröffnete das Salzburger Schauspielhaus die neue Spielzeit mit eben dieser Dramatisierung, die von Koen Tachelet stammt. Sie blendet vieles von dem Geschehen aus und kommt nicht ohne plakative Mittel aus, spürt aber mit Geschick die dramatischen Momente des Stoffs auf. Roth hat in sein Buch nachhaltige Appelle an das Mitgefühl des Lesepublikums eingebaut. Sein Held, der Talmudlehrer Mendel Singer, der mit seiner Familie, der Frau, der Tochter und den drei Söhnen in dem fingierten kleinen Ort Zuchnow ein kärgliches Dasein fristet, muss ja bitterste Schicksalsschläge erdulden.

Wenn es einer Inszenierung gelingt, reichlich Mitgefühl für die Geplagten, vor allem für Mendel Singer, zu mobilisieren, hat sie viel erreicht. Für die Inszenierung Rudolf Freys trifft dies zu. Das Publikum zeigte sich stark beeindruckt.

Auf Mendels Familie scheint ein Fluch zu lasten: Der Jüngste der drei Söhne ist ein Kretin, er kann nicht gehen, nicht sprechen und wird von epileptischen Anfällen heimgesucht. Der Rabbi rät zu Geduld und zur Hoffnung auf ein Wunder. Die Eltern umsorgen ihn mit Hingabe, die Geschwister dagegen verhalten sich zu ihm strikt ablehnend und wollen ihn sogar umbringen.

Rudolf Frey vermeidet es, allzu sehr zu karikieren, wenn es darum geht, jüdisches Leben im Städtl von einst abzubilden. Die Figuren bekommen starke Konturen: Georg Reiter als frommer Jude, der wie in der Bibel der geplagte Hiob engen Kontakt mit seinem Gott hält und ihn beharrlich fragt, wofür er so hart gestraft werde; Daniela Enzi als seine für ihn reizlos gewordene Frau lehnt sich im Unterschied zu ihrem klagenden Mann auf und will die Lage der Familie ändern; Yael Hahn ist die attraktive Tochter, der ihre Mannstollheit zum Verhängnis wird. Zwei der Söhne brechen aus der Familie aus: der eine, Jonas, (Martin Brunnemann, der später als seltsam gummiartige Figur in der Funktion eines erfolgreichen Geschäftsmanns auftritt), indem er zum Militär geht, der andere, Schemarjah, indem er nach Amerika auswandert. Moritz Grabbe gibt den Pflegefall Menuchim als erbarmungswürdige Leidensgestalt, die sich robbend auf dem Boden fortbewegt und gelegentlich „Mama“ stammelt. Marcus Marotte kann sich in gleich sechs kleinen Rollen bewähren.

Der ausgewanderte Sohn reüssiert in Amerika und will die Familie nachholen. Und was soll mit Menuchim geschehen? Mit schlechtem Gewissen lässt ihn die Familie zurück.

Jetzt wird der schmale Bühnenraum aufgebrochen, in Amerika hat man mehr Platz. Die Ausstattung (Vincent Mechnaritsch) ist sehr karg und stützt den Fortgang des Geschehens nur wenig. Mendel passt sich dem Leben in der Neuen Welt nicht an, seine Frau dagegen ahmt die dort gepflegten Äußerlichkeiten bereitwillig nach. Rudolf Frey nützt diesen Zug übrigens kaum.

Die scheinbar großartigen amerikanischen Verhältnisse schützen die Familie Mendel nicht vor weiteren Schicksalsschlägen: Schemarja, der sich in den USA Sam nennt, fällt im Krieg, die Mutter stirbt vor Gram, die Tochter verfällt in geistige Umnachtung. Mendel Singer vereinsamt. Da hilft nur noch ein Wunder. Und es geschieht. Menuchim taucht auf, aus dem Krüppel ist ein Erfolgsmensch geworden. Diese rasch herbeigeführte Wandlung gehört nicht zu den Stärken des Romans. Rudolf Freys Inszenierung und Georg Reiters Rollengestaltung kann man zugutehalten, dass sie diese Schlussbilder als Wunschvorstellungen erscheinen lassen, die unsäglichen erlittenen Schmerz kompensieren.

Aufführungen bis 24. Oktober – www.schauspielhaus-salzburg.at
Bilder: Schauspielhaus Salzburg / Jan Friese