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Schau, Spiel und Ernst

FESTSPIELE 2019 / SCHAUSPIEL

16/11/18 Das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele für 2019 verbindet Genres, Epochen und Kulturen. Mit einer Uraufführung, drei weiteren Neuinszenierungen, der Wiederaufnahme des Jedermann, vier Lesungen und Vorträgen lässt es keine Bühne unbespielt.

Von Franz Jäger-Waldau

„Wie wundervoll sind diese Wesen, die, was nicht deutbar, dennoch deuten, was nie geschrieben wurde, lesen, Verworrenes beherrschend binden und Wege noch im Ewig–Dunkeln finden.“ Durch Hugo von Hofmannsthals Verse spricht so der Tod - und meint uns Menschen. Ihn wundert die Entschiedenheit, mit der wir seinen Sieg verzögern. Er staunt über die Riten, mit denen die Sterblichen alles Leblose erlebbar machen. Er wundert sich und weiß vielleicht nicht, dass er, der Tod, selbst schuld am Leben ist.

Im Jedermann zeigt der Tod heuer wieder seine Unvereinbarkeit mit dem modernen Leben, Hofmannsthals Stück wird in der Inszenierung von Michael Sturminger wiederaufgenommen. „Der Tod ist in unserer Kultur so sehr verdrängt wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte“, stellt der Regisseur fest. „Das Mysterium, das dieses Rätsel vom Tod des Menschen und seiner Begegnung mit dem Tod umgibt, existiert in allen Religionen und Kulturen. Und seit Menschen singen und schreiben, Kunst und Bilder produzieren, beschäftigt sie dieses Thema.“

Es soll eine zeitgenössische Interpretation des Stoffes werden, das auf die Zeitlosigkeit des Sujets vertraut. Tobias Moretti wird seine Stimme wieder dem Protagonisten Jedermann leihen. Für die Premiere am 20. Juli. sind außerdem folgende Neubesetzungen geplant: Valery Tscheplanowa – die im vergangenen Festspielsommer in Ulrich Rasches fesselnder Perser-Inszenierung begeisterte – spielt an der Seite von Tobias Moretti die Buhlschaft. Gregor Bloéb übernimmt die Doppelrolle als guter Gesell und Teufel. Ebenfalls zum ersten Mal auf dem Domplatz werden Falk Rockstroh als Glaube, Helmut Mooshammer als Armer Nachbar, Michael Masula in der Rolle des Schuldknechts und Markus Kofler als Koch zu erleben sein. Björn Meyer und Tino Hillebrand verkörpern den Dicken und den Dünnen Vetter.

Nicht der Tod, sondern „Gott ist das Schrecklichste auf der Welt“. Dessen ist sich ein betrunkener Pfarrer in Ödon von Horvaths Roman Jugend ohne Gott sicher. Zu Beginn der nationalsozialistischen Verzückung Mitteleuropas sickert die Seuche zuallererst in die weitoffenen, tiefergelegenen Täler: Die Köpfe der Kinder. Ein Panorama aus Rücksichtslosigkeit und Kälte in totalitären Zeiten: Der Regisseur Thomas Ostermeier widmet sich mit seiner Dramatisierung von Ödön von Horváths Roman einem Text aus dem Jahr 1937, der den Zusammenbruch von Demokratie und Zivilgesellschaft zum Thema hat. Die Premiere der Neuinszenierung in Koproduktion mit der Schaubühne Berlin findet am 28. Juli im Landestheater statt. Jörg Hartmann, mit dem Thomas Ostermeier zuletzt Arthur Schnitzlers Professor Bernhardi erarbeitete, übernimmt die Hauptrolle des Lehrers. An seiner Seite spielen Damir Avdic, Bernardo Arias Porras, Veronika Bachfischer, Moritz Gottwald, Laurenz Laufenberg und Alina Stiegler.

„Die Wissenschaft ist der Verstand der Welt, die Kunst ihre Seele“, soll Maxim Gorki einmal gesagt haben. Im Jahr 1904, am Vorabend der ersten russischen Revolution dringt diese Seele des Zeitgeistes tief durch ihn; er schreibt das Stück Sommergäste. Über dem darin beschriebenen Gesellschaftspanorama steht die Frage nach Sinn in einem selbstbezüglichen, narzisstischen, empathielosen Kosmos, die heute aktueller denn je erscheint. Die Regisseurin Mateja Koležnik sieht in der zwischenmenschlichen Taubheit ein Zeichen des kulturellen Verfalls. Auch in der Kunst zeichnet sich eine Ausdünnung ab, die die Regisseurin mit der Sentenz „If art is good, it will survive – on the market“ polemisierend abkürzt. Koležniks Arbeiten sind bekannt für eine präzise textliche Auseinandersetzung, eine fast mikrochirurgische Sezierung der psychologischen Figurenkonstellationen und eine bestechende formale Konzeption. Die Premiere ist für den 31. Juli. auf der Perner-Insel geplant.

„Angst hab‘ ich keine vor der Polizei dort oben, wenn man mich nur vorlassen wird bis zum Hergott.“ An diesem Punkt setzt Regisseur Kornél Mundruczó mit seiner Neuinszenierung von Ferenc Molnárs Liliom in Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg an: Nach 16 Jahren im Fegefeuer darf Liliom in die Welt zurückkehren, doch er hat sich kein bisschen gebessert. Ganz in Gegenteil: „Er stellt seinem Fatalismus einen Freischein aus“, meint Intendant Markus Hinterhäuser. Der Libertine Liliom muss in einer Rückschau vor dem Jüngsten Gericht zu seinen Taten Rede und Antwort stehen. Der Regisseur Kornél Mundruczó, 1975 geboren, zählt zu den wichtigsten und vielfach ausgezeichneten zeitgenössischen Theater- und Filmregisseuren Ungarns. Seine Filme, wie zuletzt Jupiter’s Moon, waren mehrfach bei den Filmfestspielen in Cannes zu sehen. Premiere ist am 17. August auf der Perner-Insel.

Eine Uraufführung gibt es am 18. August im Landestheater zu erleben: Die Empörten heißt das neueste Stück der deutschen Dramatikerin Theresia Walser (Jahrgang 1967). In Szene gesetzt wird die „finstere Komödie“ von Burkhard C. Kosminski, der bereits viele Stücke von Theresia Walser uraufführte. Seit 2018 leitet er als Intendant das Schauspiel Stuttgart, mit dem die Uraufführung koproduziert wird. Zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, stehen neben einem Sack, in der die Leiche ihres Bruders liegt. Auf skurrile Weise leuchtet im Konflikt der beiden Schwestern jener von Antigone und des Kreon auf. Ein hochkarätiges Schauspielensemble mit Caroline Peters, von „Theater heute“ eben erst zur Schauspielerin des Jahres gekürt, Silke Bodenbender, André Jung, Sven Prietz und Anke Schubert bringt Die Empörten im Landestheater zur Uraufführung.

Neben den großen Inszenierungen sind vier Lesungen und eine Installation geplant, darunter der Monolog Zum Sisyphos. Ein Abendmahl von Albert Ostermaier mit Tobias Moretti, Teil des Schauspiel-Programms 2019. An weiteren vier Terminen gibt es die Möglichkeit, sich bei den Schauspiel-Recherchen interdisziplinär mit den Schauspielproduktionen auseinanderzusetzen: Vortragende sind etwa Theresia Walser oder Michael Orthofer.

Informationen zum Programm - www.salzburgerfestspiele.at
Bilder: Maks Richter, Fabio Lovino, Paolo Pellegrin, Thomas Dashuber, Teresa Zötl
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