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Zum Teufel geh'n aus Wurschtigkeit

FESTSPIELE / LA DAMNATION DE FAUST

23/08/21 Ihn lockt kein Pudel hinter dem Ofen hervor. Geister tanzen obszöne Menuette. Soldaten marschieren gehorsam in den Tod. Verzückung gibt es nur auf Droge und Liebe nur zum Spass. Faust weiß das alles und alles ist ihm wurscht. Zusammen mit den „Wienern“ unter Alain Altinoglu geht er effektvoll zum Teufel mit La Damnation de Faust.

Von Heidemarie Klabacher

„Pass gut auf, Doktor. Gleich werden wir die Bestialität in ihrer ganzen Unschuld erleben.“ Kein Historiker-Kommentar zum Verhalten junger NSDAP-Mitglieder, sondern ein Aperçu des Teufels – und zwar anno 1846. Da schrieb Hector Berlioz La Damnation de Faust. Der Doktor ist hier kein verzweifelter Gelehrter, der mit seiner Forscherei nicht weiterkommt, sondern ein verzweifelter Lebemann, der an seinem eigenen Lebensüberdruss erstickt. Ennui nennen die Franzosen das. Weder mit gesunder oder ungesunder Luft – in freier Natur oder im verstunkenen Drogenkeller – ist dieser Faust zu retten. Und sicher – sicher vor ironischen Brechungen – ist in dieser Fassung ohnehin niemand.

Nicht einmal die Himmelfahrt Marguerites. Der Schlusschor überirdisch und ätherisch ist eigentlich eine Zumutung für alle Frauen. Da wird von der Wiederherstellung „früherer Schönheit“ (sprich des jungfräulichen Urzustandes) gefaselt, „die ein Irrtum entstellte“. Heilige oder Hure. Dazwischen gibt’s wohl nix? Berlioz hat jedenfalls geniale Zwischentöne dafür.

Zurück an den Anfang. Gleich also werden die Studenten in Auerbachs Keller eine Amen-Fuge anstimmen, wie aus dem Tonsatz-Lehrbuch. Nur bekräftigen sie damit kein geistlich, sondern ein gar obszönes Lied. Und dann noch eine Fuge! Wie witzig, wo wir doch wissen, dass die nur wenige Jahrzehnte nachgeborenen französischen Komponisten „Deutschtümmeleien“ wie Symphonie oder strengen Satz heftig ablehnen werden.

Er war schon ein cooler Hund, dieser Berlioz. Hat als Jüngling Faust gelesen und war aestimiert. Hat mit 26 verschämt ein paar Gedichte draus vertont, mit 43 ein paar knallige Opernszenen drum herum – und sich selbst das Libretto dazu – geschrieben. Sprich, Hector Berlioz und sein Mit-Librettist Almire Gandonnière haben anno 1846 getan, was Regisseure, Dramaturgen und sonstige Kultur-Innen heutzutage für hip halten. Sie haben ein „Stück nach...“ verfasst.

Da stürmt der städtische Pöbel das Haus der sitzengelassenen Marguerite und entfacht ohne Internet einen Shitstorm der sich gewaschen hat. „Heda, Mutter Oppenheim. Sieh, was deine Tochter macht...“ Da singen die die Studenten in Auerbachs Keller, aufgestachtel von Méphistophélès ungehörige Liedlein.... All das Knallfarbige, Pastellgetönte oder Himmelsblaue der Musik enthält in den Tiefen der hinterhältig schillernden Partitur von Hector Berlioz immer auch das jeweilige Gegenteil in Form beängstigender Dissonanzen. Selbst die schwärmerischen Liebesbeteuerungen enthalten harmonisch-ironische Brechungen, die ein „Verweile doch, du bist so schön“ gar nie aufkommen lassen.

All das haben Alain Altinoglu und die Wiener Philharmoniker mit Verve und Esprit hören lassen. Wenn auch im „Diabolischen“ entschieden präziser als im „Idyllischen“, welches im Streicherpart gelegentlich recht impressionistisch verwaschen daherkam. Warum die Cellisten im Chanson gothique (Berlioz' Vertonung des Gedichts Es war ein König in Thule) gar so grimmig und gleichförmig schaben durften?

Gewohnt gleichbleibend laut und perfekt in Stein gemeißelt war der Stimmton von Elīna Garanča, der (unsäglich) wolkig gewandeten Marguerite der konzertanten Aufführung im Großen Festspielhaus. Ildar Abdrazakov als Méphistophélès überzeugte mit reich timbrierter Verschlagenheit. Und Charles Castronovo gab, stimmlich geschmeidig, technisch souverän, einen überzeugend lebensüberdrüssigen Faust. Peter Kellner war ein markiger Student Brander.

Soldaten oder Mädchen mögen zugrunde gehen – Faust heult am Busen der Natur über seinen „endlosen Überdruss“. Wie anständig scheint dagegen der Teufel zu sein. Ob Faust am Firmament nicht auch den „Stern der beständigen Liebe“ erblicke, fragt er. „Sein Einfluss wäre dringend nötig.“ Denn Marguerite sitze inzwischen als verurteilte Muttermörderin im Kerker. Da galoppieren Faust und Méphistophélès auf den Pferden der Hölle in ebendiese – angeführt von den „Wienern“ aufgestachelt von Alain Altinoglu. Der Chor der Verdammten Dämonen lässt selbst dem ausgefuxten Atheisten das Blut gerinnen. Da kann der Staatsopernchor zum Chor der Himmlischen Geister gewandelt finalen Engelssang hören lassen. Der Teufel hat gewonnen. Hopp. Hopp.

La Damnation de Faust wird am 28. August um 19.30 im Programm Ö1 gesendet
Bilder: SF / Marco Borrelli

 

 

 

 

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