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Zwischen „Contemporary“ und großen, alten Namen

SALZBURGER FESTSPIELE 2012 / DAS KONZERT

16/11/11 Es ist keineswegs so, dass die sieben Opern-Neuinszenierungen bei den Salzburger Festspielen im nächsten Jahr dem Konzertbereich Platz und Raum wegnehmen: Die Podiums-Plätze sind zum Bersten gefüllt – wenn auch nicht unbedingt mit Musikern der jüngeren Garde.

Von Reinhard Kriechbaum

Weniger weiße Flecken auf dem Kalendarium der Salzburger Festspiele hat es vermutlich noch nie gegeben. Sieht man das üppige Konzertprogramm im Detail an, dann lassen sich zwei Tendenzen unmittelbar herauslesen: Alexander Pereira hat beim Pressegespräch vorige Woche betont, dass er in den zwei Jahrzehnten als Zürcher Opernchef den Konzertbereich vermisst habe. Trotzdem hat er für seinen erste Salzburger Sommer auch auf Können und Erfahrung von Matthias Schulz gebaut. Der designierte künstlerische Leiter bei der Stiftung Mozarteum (ab März 2012) war bisher die rechte Hand von Markus Hinterhäuser, und er hat jetzt auch für den neuen Intendanten nicht nur seine organisatorischen Fähigkeiten, sondern auch seinen kreativen Kopf ins Spiel gebracht.

Der zweite Punkt: Pereira baut doch sehr auf eine Künstler-Riege, die schon nicht mehr ganz jung war, als er vor gut zwei Jahrzehnten seine Chefposition im Wiener Konzerthaus in Richtung Zürich verlassen hatte. Aber große, alte, gute Namen ziehen natürlich – und die Konzerte müssen allemal Geld einspielen für die szenischen Produktionen.

Was bisher „Kontinent“ geheißen hat, nennt sich nun „Salzburg Contemporary“ und bringt – um den Komponisten Heinz Holliger als Zentrum – eine Auswahl aus dem quasi inoffiziellen Kanon des 20. Jahrhunderts: von Dallapiccola bis Ligeti, von Lutoslawski bis Bernd Alois Zimmermann (dessen Oper „Soldaten“ produziert wird). Bemerkenswert im Kanon der zehn Konzerte: Auch das „Familienkonzert“ hat da drinnen Platz, mit Zimmermanns „Frommer Helene“ und der „Keintate“ von Cerha.

Pereira war es, der Sándor Vegh und die Camerata Salzburg seinerzeit mit einem eigenen Konzertzyklus ans Wiener Konzerthaus gebunden hat. Zu Véghs 100. Geburtstag wird es zwei Gedächtniskonzerte bei den Festspielen geben, bei denen die Camerata prominente Solisten- und Kammeremusikunterstützung bekommt.

In neun Konzerten gibt es einen Blick „über die Grenze“ mit einem Dvorak-Schwerpunkt. Das Hagen-Quartett als Ensemble für einen Ballettabend (Heinz Spoerli, Zürcher Ballett) ist darin ein markanter Punkt. Das Hagen Quartett ist auch sonst gut beschäftigt und beginnt mit einem Beethoven-Zyklus, so wie Leonidas Kavakos (Violine), der an drei Abenden Beethoven-Sonaten spielen wird.

Vom Namen her prominent: die spätabendliche Schiene mit Schuberts drei letzten Sonaten (Daniel Barenboim im Großen Festspielhaus, ein Geldbringer also). Nicht vom Hocker reißen einen die Solistenkonzerte: Andras Schiff, Murray Perrahia, Krystian Zimerman, Maurizio Pollini und – einziger Nicht-Pianist – Pinchas Zukerman.

In den Liederabenden: Elina Granaca, Magdalena Kozena, Thomas Hampson, Christian Gerhaher, Matthias Goerne, Thomas Quasthoff, Juan Diego Florez, José Carreras – da kommen also Lied-Puristen ebenso auf ihre Rechnung wie Hörer, die ohnedies lieber ihre aktuellen und ehemaligen Opern-Lieblinge hören wollen.

Eines der fünf „Philharmonischen“ findet im Großen Saal des Mozarteums statt (unter Heinz Holliger mit der Uraufführung einer Auftragskomposition an ihn). Dirigenten der weiteren Philharmoniker-Konzerte sind Valery Gergiev, Mariss Jansons, Bernard Haitink – und um den 15. August natürlich drei Mal Riccardo Muti.

Viel ist im Vorfeld spekuliert worden um eine mögliche Ausdehnung der Festspiele nach hinten, verbunden mit der Verpflichtung von Gastorchestern (Anfang September kommt ja das Reisekarusell in Gang). Da gibt es aber keine nennenswerten Experimente: Ende August kommen natürlich die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle nach Salzburg, Franz Welser-Möst schaut mit dem Cleveland Orchestra vorbei, Riccardo Chailly mit dem Gewandhausorchester Leipzig, Mariss Jansons mit dem Concertgebouworchest Amsterdam – und in den 1. September knallt Daniel Barenboim mit dem Verdi-Requiem hinein (Orchestra e Coro del Teatro alla Scala).

Weitere Gastorchester in den Wochen zuvor: Das Israel Philharmonic Orchestra (Zubin Mehta), das Orchestra Mozart (Claudio Abbado), das West-Eastern Divan Orchestra (Daniel Barenboim), das Schleswig-Holstein Festival Orchester (Christoph Eschenbach), das Gustav Mahler Jugendorchester (Daniele Gatti) und das London Symphony Orchestra (Valery Gergiev).

Bleiben die Mozart-Matineen: Dort stehen Adam Fischer, Ivor Bolton, Michael Gielen und Marc Minkowski am Pult. Vor dem „Messias“ unter Daniel Harding zur Matineenstunde (21., 22. Juli, im Rahmen der „Ouverture spirituelle“, sollte man ausgiebig frühstücken.

Bilder: Salzburger Festspiele / Priska Ketterer (1); Simon Fowler-Virgin Classics (1); Paul Labelle (1); Marcelo Isarrualde (1); Photo Schaffler (1)
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