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Der Einklang pur

FESTSPIELE / WIENER PHILHARMONIKER / BARENBOIM

24/07/14 Es muss das pure Vergnügen sein, vor den Wiener Philharmonikern zu stehen und Bruckners „Romantische“ zu dirigieren. Und wenn man dann als Dirigent noch dazu ziemlich genau das Gleiche will, was auch sie im Sinn haben – dann stellt sich Einklang pur ein.

Von Reinhard Kriechbaum

Nicht bloß ein Laissez-faire vom Pult aus, im Vertrauen darauf, dass da schon das Richtige kommen werde. Daniel Barenboim hat sich, so locker er die Zügel auch gehalten hat am Mittwochabend (23.7.) im Großen Festspielhaus, da und dort doch mit Bestimmtheit eingebracht, was sich in mancher rhythmischer Akkuratesse abgezeichnet hat: Die Vogelstimmen im Scherzo, die sich so gar nicht einfügen wollen ins rhythmische Grundschema und dann doch so wunderbar eingebettet sind – das gelingt so nur in Sternstunden, in denen die Instrumentalisten und der Dirigent tatsächlich dieselbe Vorstellung umsetzen.

Nachdrücklich in Erinnerung bleibt, wie gleichsam „schleichend“ Barenboim von der Pizzicato-begleiteten Bratschen-Melodie im zweiten Satz hinüber geführt hat zu dem an Haydn erinnernden, volkstümlich kontrastierenden Mittgelteil: gleichsam die optimistische Antithese zum Trauermarsch-Applomb dieses Symphoniesatzes. Die Bläser wirkten ausgeruht und gelöst wie selten, die Konzentration im Blech war an diesem Abend außergewöhnlich, das Timbre der Horngruppe auf exzeptioneller Höhe.

Gedenken war angesagt an diesem Abend: für Lorin Maazel, für den Beginn des Ersten Weltkriegs und für die Opfer im derzeitigen Gaza-Konflikt. Deshalb eine Schweigeminute nach der Maurerischen Trauermusik c-Moll KV 477, die Barenboim in so breitem Strom hat fließen lassen, wie er eben Mozart mag – und wie ihn, aufrichtig gesagt, ja auch die Mehrheit des Publikums gar nicht ungern in die Ohren fließen lässt. Die entscheidenden Choral-Anklänge der Bläser waren aufs Schönste und mit lebhafter Agogik herausgearbeitet.

Eine Rarität sondergleichen: Das Requiem op. 144b auf einen Text von Friedrich Hebbel von Max Reger, eines seiner letzten vollendeten Werke. Placido Domingo war aufgeboten für das im Lauf der Viertelstunde drei Mal wiederkehrende „Seele vergiss sie nicht, Seele, vergiss nicht die Toten!“ Den schlichten Ruf erfüllte er mit dem nötigen Charisma. Der Chor malt in diesem epischen Werk aus, wie sich die Toten – Hebbel stellt sie sich als uns umschwirrende Luftgeister vor – erwärmen an den positiven Erinnerungen, wogegen sie andernfalls „erstarren hinein bis in das Tiefste“. Das „Schicksalslied“ von Brahms war für Reger gewiss Inspirationsquelle für dieses über weite Strecken dicklich instrumentierte, mächtig rumorende Chor-Tableau, das der Wiener Singverein anschaulich ausgemalt hat.

Ein Werk freilich, das damals, 1911, doch schon recht aus der Zeit gefallen war. Ob man im Klangbild etwas mehr rausholen, ob es sich auszahlte, mehr Licht in die dickliche Harmonie zu bringen? Die Tiefenschärfe war in diesen fünfzehn Minuten Barenboims Sache jedenfalls nicht. Vielleicht sollte man das Reger-Requiem mal in Gedanken vormerken für 2016 (zum hundertsten Todestag des heutzutage nur noch von Organisten ein wenig geliebten Komponisten). Es dann nochmal auf den Prüfstand zu stellen, wäre vielleicht einen Versuch wert.

Bilder: Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

 

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