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Grenz-wertig

REPORTAGE / COMPUTERSPIEL / FRONTIERS

12/11/10 In zwei Rollen kann man schlüpfen. Entweder in jene des Flüchtlings, der aus Afrika oder von der Ukraine her versucht, Einlass in die „Festung Europa“ zu finden. Oder in jene des Grenzpolizisten, der eben diese Immigration zu vereiteln trachtet. – Das Computerspiel „Frontiers“ der Künstlergruppe „Gold Extra“ ist jetzt fertig.

Von Reinhard Kriechbaum

alt„Ceuta ist ein „prototypischer Ort für die Festung Europa“, wissen Karl Zechenter und Sonja Prlic. Diese Stadt, geographisch in Afrika, aber politisch zu Spanien gehörig, ist einer der imaginären Schauplätze ihres Computerspiels „Frontiers“, an dem sie und das Künstlerteam von „Gold extra“ nun seit 2006 arbeiten. Mehrere Wochen haben die beiden vor Ort recherchiert, hier und in der Gegen von Ushgorod (Ukraine). „Flüchtlinge haben uns ihre Geschichten erzählt.“

Natürlich sind auch eigene Beobachtungen eingeflossen in das Spiel, das uns sensibilisieren soll nicht nur für die Zustände an den Schengen-Außengrenzen: Es ist ja nicht damit getan, erst mal ohne zu ertrinken über die Straße von Gibraltar zu kommen. Eine der Absurditäten: Ist man (illegal) in Spanien gelandet, dann stößt man auf Plakate, mit deren Hilfe Erntearbeiter gesucht werden. Jobs gibt es also … altDer Weg der Immigranten führt weiter, und wer es Level um Level in den von Nebelschwaden durchzogenen Hafen von Rotterdam gebracht hat, kann sich dort auf die Suche nach einem Container begeben, um irgendwie auch noch über den Kanal nach England zu kommen: Die Reise ist nicht zu Ende.

Ein garstig Spiel, pfui, ein politisch Spiel? Oder die Antwort von Gutmenschen aufs Minarett-Abknallen und Moslem-Verprügeln der wählkämpfenden steirischen FPÖ? So kurz greift man nicht mit „Frontiers“. „Unsere Zielgruppe sind Gamer im Internet“, erklärt Karl Zechenter. Eine Zielgruppe also, die sich sonst eher nicht mit politischen Inhalten beschäftigt.

„Frontiers“ hat in der medialen Spiele-Welt Aufsehen erregt. Die Beta-Version ist in den vergangenen Jahren 35.000 downgelodet worden. Die „Gold extra“-Leute (Karl Zechenter, Sonja Prilic, Tobias Hammerle, Georg Hobmeier) waren oft in Schulen damit. Aber auch Fachleute haben sich die altSache angesehen und für beispielhaft befunden: Im ZKM, Europas größten Medienkunst-Museum in Karlsruhe, hat „Frontiers“ unterdessen einen festen Platz - und wer jetzt online einsteigt, kann vielleicht sogar mit einem (oder gegen einen) der Museumsbesucher dort live spielen.

Wie das technisch geht? MOD ist das Zauberwort. Das Ur-Programm „Half live 2“ ist die Basis, auf der „Frontiers“ technisch gleichsam aufsitzt. Drum ist es auch nicht ganz kostenlos. Für rund fünf Dollar (etwas über vier Euro) muss man „Half live 2“ online erwerben. Dann kann man „Frontiers“ downloaden und spielen.

Martina Brandmayr sitzt im „Gold extra“-Atelier und zeichnet an einem der Bildschirme. Die Fachhochschul-Absolventin (Multi Media Art) hat bis zu vierzig Wochenstunden investiert, um am Design, an den „Models“ (im Theater würde man sagen: den Ausstattungsstücken) des altComputerspiels zu arbeiten. Jens Stober kommt aus Karlsruhe, auch er ein Student einschlägiger Fächer. „Ich habe mit dem MOD-Programm schon seit sieben Jahren zu tun, drum bin ich recht schnell beim Zeichnen.“

Frontiers ist vorerst mal ausgreift. Heute, Freitag, wird es in der ARGEkultur vorgestellt und steht dann der Online-Community zur Verfügung. Und was machen Sonja Prlic und Karl Zehenter weiter? „Mit Horizont auf 2014 interessieren wir uns für ein Spiel, in dem es um die Ausgangssituationen für die Flucht, für die Lage in Afrika geht.“ Da heißt es also wieder die Koffer packen für Recherchen auf dem Schwarzen Kontinent. Das ist auch eine Geldfrage. Für „Frontiers“ kam Geld von der European Cultural Fondation. Und „Gold extra“ wird natürlich auch von Stadt und Land Salzburg gefördert. Mit unter 50.000 Euro ist man ausgekommen. Das ist nicht viel Geld für das Design eines Computergames, das man immerhin eine Stunde und zwanzig Minuten – und immer wieder – spielen kann.

„Wir wollten eigentlich ohne Waffen auskommen“, erzählt Karl Zechenter. Aber das wäre de facto an der Realität vorbei gegangen. Ja, man kann auch erschossen werden, oder ertrinken als virtueller Flüchtling. Oder aber einen Grenzpolizisten bestechen. „Der wird dann in eine Bar teleportiert“.

Heute, Freitag (12.11.) um 20 Uhr wird das Spiel “Frontiers” im Rahmen des Open Mind Festival "HIDE OR SEEK. Mut zur Freiheit. Mut zur Flucht" in der ARGEkultur vorgestellt.
„Frontiers” online spielen: www.frontiers-game.com
gold extra und weiterführende Links: www.goldextra.com
Bilder: dpk-krie

 

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