Theater – ein Ort auch des Gottvermissens

SALZBURGER HOCHSCHULWOCHEN

05/08/16 Theater und Oper seien nicht nur Orte überschäumenden Lebens, sondern immer auch Orte, an denen die Frage nach Gott gestellt werde: so der Intendant des Deutschen Theaters Berlin, Ulrich Khuon bei den Salzburger Hochschulwochen. Erzbischof Lackner plauderte mit Tod und Teufel.

Die Hochschulwochen gelten dem Thema Leidenschaften. Da war wohl der Blick von der Fachtheologie hinüber zum Theater angebracht. Indem sich auf den Brettern, die die Welt bedeuten, immer auch Dramen und Tragödien abspielten, zeige sich eine besondere Sensibilität des Theaters für „Sünde, Schuld und Vergebung, Vergeblichkeit und Schmerz“, sagte Khuon am Mittwoch (3.8.). Im Blick auf die Gottesfrage bedeute dies, vor allem das „Gottvermissen“ zu thematisieren, welches ein heute weit verbreitetes Empfinden darstelle – und welches sich auch in zahlreichen Werken der Gegenwart finde.

Die Leidenschaft des Theaters bestehe darin, in der „Spannung aus Kontrolle und Exzess“, aus „Pathos und kühler Ratio“ den Menschen jene verschütteten Dimensionen des Lebens wieder zu erschließen, in denen auch die Gottesfrage ihren Platz habe. „Das Theater befasst sich mit Individuen, denen in dieser rational entzauberten Welt etwas fehlt“, so Khuon. Darin bestehe ein Nahverhältnis zur biblischen Tradition, die ebenfalls eine solche Vorliebe für die Gescheiterten habe.

In der Theologie werde diese existenzielle Betroffenheit durch den anderen, wie sie auch das Theater kennt, mit dem Begriff der „Compassion“ (Jean Baptist Metz) auf den Punkt gebracht. Beide – Theater wie biblische Religion – zielten auf eine „Mitleidenschaft“, die den anderen wirklich ernst nimmt. Dazu zähle auch die Erkenntnis einer „subjektiven Verarmung“ in der Moderne, die die Leidenschaft als dasjenige, was dem Menschen von außen widerfährt und dem er ausgesetzt ist, ausgrenzt. Gerade dadurch werde der mensch um jene „Abgründigkeit“ gebracht, die das Leben gerade ausmache. So ziehe das Theater mit seiner „leidsensiblen Sprache“ auch in dieser Kritik der Moderne mit der biblischen Religion an einem Strang.

Ulrich Khuon studierte Jura, Germanistik und Theologie. Von 2000 bis 2009 leitete er das Thalia Theater Hamburg, seit 2009 ist er Intendant des Deutschen Theaters Berlin.

Im Rahmen der Hochschulwochen lud Erzbischof Franz Lackner zwei Schauspieler aus dem Jedermann-Ensemble – Peter Lohmeyer und Christoph Franken – zu einem Gespräch. Tod und Teufel also an einem Tisch mit dem Salzburger Oberhirten. Rund dreihundert Zuhörer fand diese Diskussion.

Er selbst habe mit den Leidenschaften - anders als die klassische Theologie - kein Problem, so Lackner. Auch wenn sich ein Bischof „gewisse Leidenschaften nicht mehr leisten“ könne bzw. sich etwa in seinem öffentlichen Auftritten sprachlich stärker beherrschen müsse. Er sei jedoch „leidenschaftlich Priester und Bischof“, so Lackner, auch wenn der bischöfliche Alltag „Trockenperioden“ kenne. Leidenschaftlich empfinde er persönlich auch das Fragen und Suchen nach Gott. So lebe er inzwischen seit über 35 Jahren mit Gott – und zugleich mit der Sehnsucht nach Gewissheit im Glauben: „Ich denke oft: Lieber Gott, auch wenn es dich vielleicht nicht gibt, es ist toll, an dich zu glauben.“

Der Schauspieler Peter Lohmeyer versteht Leidenschaft als eine Grundhaltung des modernen Menschen, die nicht durch Gelassenheit aufgehoben werden dürfe: Schließlich erfordere die Dramatik der Gegenwart – politisch wie gesellschaftlich – leidenschaftliche Existenzen: „Es geht einfach nicht, sich zurückzulehnen. Wir müssen leidenschaftlich helfen, leidenschaftlich aufeinander zugehen.“

Dem stimmte auch Schauspieler Christoph Franken zu. „Wir sollten mehr Leidenschaft im Leben wagen - das Abwarten, Zaudern und Heraushalten ist nicht zeitgemäß.“ (Kathpress)

Die Salzburger Hochschulwochen dauern bis Sonntag (7.8.) und enden mit einem Festakt um 10.30 Uhr in der großen Aula. Es spricht der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx - www.salzburger-hochschulwochen.at
Bilder: Kathpress / Henning Klingen