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Eine untrennbare, wenn auch fürchterliche Beziehung

BUCHBESPRECHUNG / DAS SALZBURG DES THOMAS BERNHARD

12/02/19 Die grandiosen Salzburg-Beschimpfungen Thomas Bernhards – Heimatstadt als Todeskrankheit gehört noch zum Freundlicheren – kennen Leser und vor allem Nicht-Leser. Nicht so bekannt sind Elogen romantischer Verklärung wie „die fröhlichen Engel des Fischer von Erlach über der Universität, dazu der Mond über der Festung wie ein Geheimnis – dass auch die Stadt bleibt, die wir so lieben...

Von Heidemarie Klabacher

Dafür, dass Salzburg gar nicht seine „Heimatstadt“ war – Thomas Bernhard wurde am 9. Februar 1931 in den Niederlanden geboren und war dort in Säuglingsheimen untergebracht, bis ihn die Mutter Herta Bernhard noch Ende selbigen Jahres den Großeltern in Wien in Obhut gab, und alle zusammen 1935 nach Seekirchen übersiedelten – dafür also, das Salzburg nicht seine Heimatstadt im Sinne von Geburtsstadt war, hat sie dem Dichter lebenslang verdammt viel aufzulösen gegeben. Und noch bevor er anno 1944 im „Schulknabenasyl“ in der Schrannengasse 4 dem Nazi-Heimleiter Leopold Fürnkranz in die Fänge geriet und seinen einzigen Fluchtort in der berühmten Schuhkammer der Ursache fand, hatte das Kind 1937 den Auszug aus dem Seekirchner Paradies und demütigende Jahre in Schule und Familie im Bayerischen Traunstein zu überstehen.

In Salzburg angekommen galt es prompt, nicht nur sadistischen Psycho- sondern auch ganz handfesten Bomben-Terror zu überleben und zu verarbeiten. Mit der Rückkehr der katholischen Verwaltung in das Internat nach Kriegsende geriet der Zögling Bernhard vom Regen in die Traufe: „... geistig eingeklemmt zwischen Katholizismus und Nationalsozialismus sind wir aufgewachsen und schließlich zerquetscht worden zwischen Hitler und Jesus Christus als volksverdummenden Abziehbildern“, schreibt jener Bernhard, der kurz zuvor aus der Kirche ausgetreten war, als er sich nach Erwerb seines dritten Hauses in den frühen Siebzigern über einen schönen „Herrgott“ freute, „der sicher zwei- bis dreitausend Schilling wert sei“, nach dem er das fast einen Meter hohe Kruzifx für nur tausend Schillig hatte erwerben können (wie es im Buch Thomas Bernhard. Hab & Gut auf Seite 151 beschrieben ist).

Doch zurück nach Salzburg und die lebenslang heikle Beziehung des Dichters zur Mozartstadt, die der Literaturwissenschaftler und Bernhard-Experte Manfred Mittermayer in einem nur vom Format her kleinen Büchlein so wissenschaftlich akribisch wie stilistisch elegant zusammengefasst hat: Das Salzburg des Thomas Bernhard ist in der Reihe „Wegmarken“ der Edition A.B. Fischer erschienen.

Die Stationen des Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Salzburg sind mit zahlreichen Zitaten vor allem, aber nicht nur, aus der Ursache so anschaulich wie bewegend nachgezeichnet. Man kennt diese Stationen des am Latein gescheiterten Gymnasiasten, der als Kaufmannslehrling so stolz wie trotzig seinen Aufbruch in die „entgegengesetzte Richtung“ zur bewussten Entscheidung stilisiert hat.

Man weiß um den frühen Gesangsunterricht (und um das spätere Scheitern auch in dieser Richtung), um die lebensbedrohliche Lungenkrankeit und die „Genesung“, weiß um Gesangs- und Schauspielstudium (später von Bernhard hinuntergewürdigt zum reinen Mittel, Kontakt zu anderen Menschen zu finden). Man weiß um erste Erfolge (und erste Probleme) mit seinen Salzburger Verlagen Otto Müller und vor allem natürlich Residenz. Und man erinnert sich immer wieder mit Vergnügen an die einzigartige, bis heute klatschspaltentaugliche Story „Bernhard und die Festspiele“.

Manfred Mittermayer, der den Text zu diesem Bändchen in gekürzter Form seiner 2015 bei Residenz erschienen Bernhard-Biografie entnommen hat, besticht gerade in der „kleinen Form“ durch den tiefen Respekt, mit dem er Menschliches und Allzumenschliches schildert, und den er seinem heiklen Gegenstand zollt, ohne je den Blick auf die andere Seite zu vergessen. Sprich: Salzburg hatte es auch nicht ganz leicht mit seinem eingenwilligen Ziehsohn.

Meint man gelegentlich, eine Art Versöhnungs-Filter zu spüren, kann es durchaus sein, dass dies zu einem hohen Maß den grandiosen Schwarz-Weiß-Fotografien der Fotografin und Verlegerin Angelika Fischer geschuldet ist. Es sind gestochen scharfe, technisch perfekte Bilder (analog aufgenommen, vermutlich), denen nichts Romantisierendes eignet (die Ansammlung an Kanaldeckeln etwa vor dem Haus für Mozart hätte sich auch weglassen lassen). Dennoch verbinden sich die modernen Fotos mit den zahlreichen historischen Aufnahmen zu einer – tatsächlich berührenden – Einheit. Wird man mit dem Dichter, seinem Leben und Werk als Leser lebenslang nicht fertig, wirft das Büchlein Das Salzburg des Thomas Bernhard von Manfred Mittermayer und Angelika Fischer einen reizvollen Blick auf die Anfänge – für Bernhard Anfänger und Fortgeschrittene.

Bilder: Edition A.B. Fischer / Angelika Fischer
Manfred Mittermayer (Text). Angelika Fischer (Fotografien): Das Salzburg des Thomas Bernhard. Edition A.B. Fischer, Berlin 2017. 63 Seiten, 14.40 Euro - www.edition-abfischer.de
Heute Dienstag (12.2.) - dem 30. Todestag von Thomas Bernhard - um 19.30 präsentiert der junge Bildende Künstler Lukas Kummer im Literaturhaus seine so eindrückliche wie beklemmende Graphic Novel zu Thomas Bernhards Roman Die Ursache. Die Bilder werden auf Großbildleinwand projiziert, dazu liest der Schauspieler Peter Arp aus dem Original - www.literaturhaus-salzburg.at
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