Der Gipfel allen Könnens

MOZARTWOCHE / HAGEN QUARTETT

03/02/17 Sie spielen in ihrer eigenen Liga. Salzburg darf sich glücklich schätzen, dass das Hagen Quartett immer wieder in seine Heimat zurückkehrt. Diesmal zweimal nachmittags in den Großen Saal des Mozarteums, im Dienst an Joseph Haydn.

Von Horst Reischenböck

Der übergreifenden Programmidee der diesjährigen Mozartwoche galt der Einsatz des Hagen Quartetts dem Zyklus von Haydns letzter, 1797 entstandener Sechsergruppe. Das sind die nach ihrem aristokratischen Auftraggeber so betitelten Erdödy-Quartette op. 76. Ein nochmaliger Gipfel sowohl gedanklicher wie gestalterischer Erfindungen, in die der Urheber des Genres gewissermaßen das Kompendium all seines Könnens einfließen ließ, Ausdruck seiner vielfältig vielschichtigen Originalität. Im Verbinden von komplex kontrapunktischer Verarbeitung mit der Fülle thematischer Eingebung gibt Haydn auch den Ausführenden einiges zum Auflösen. Unglaublich, dass Haydn zwei Jahre später wegen der Komplimente ob des Feuers seiner letzten Arbeiten räsonieren sollte: „Niemand will mir glauben, mit welcher Mühe und Anstrengung ich dasselbe hervorsuchen muss … durch viele Tage … außer Stand bin, nur eine einzige Idee zu finden.“

Dem ersten Termin am Donnerstag (2. 2.) nach zu schließen, bedeutete offenbar die Auseinandersetzung mit diesen Werken den Hagens keine „Haydn-Arbeit“, so zwingend und unprätentiös näherten sie sich der ersten Trias. Etwa dem G-Dur-Quartett Hob. III:75, dessen Hauptthema nach der den Kopfsatz eröffnenden Kadenz Clemens Hagen am Cello wie selbstverständlich vorstellte. Es ist immer wieder eine Freude, wie er seinem Instrument ohne erkennbare Anstrengung eine Fülle differenzierter Töne entlockt. Ein erster aufhorchen machender Höhepunkt, wie vehement die vier das Menuett aufmischten, das eigentlich ein Scherzo à la Beethoven vorwegnimmt.

Das „Quintenquartett“ Hob. III:76 schlägt, wie es der Zeitgenosse Christian Friedrich Daniel Schubart in seinen Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst beschrieben hat, dämonisch „düster und ernst“ weitestgehend d-Moll-Töne an. Den serenadenhaften Gesang des Andante spann Lukas überirdisch locker. Umso heftiger stieg er in das „Hexen-Menuett“ ein und kitzelte zum Schluss nach bewusst verwischt höchstem Ton des Hauptthemas mit seinen Partnern auch unüberhörbar Reminiszenzen ans Rondo all'Ungarese aus Haydns D-Dur-Klavierkonzert Hob. XVIII:11 heraus.

Nach der Pause dann als Krönung das wegen seines Variationensatzes wahrscheinlich bekannteste aller Haydn-Quartette in C-Dur Hob. III:77: das „Kaiserquartett“. Nach gelöst beflügeltem Einstieg bewies zustimmendes Kopfnicken deutscher Gäste Erkennen des patriotisch dem Kaiser zugedachten Lieds: Haydn kann ja nichts dafür, dass Hoffmann von Fallersleben der Melodie andere Verse unterlegte, die nun unseren Nachbarn als Hymne dienen. Wie exquisit Lukas an seiner Violine die einzelnen Veränderungen subtil differenzierend abschattierte, war ein Erlebnis Sonderklasse, ihm zu lauschen Genuss auf höchstem Niveau. Den aufbrausenden Jubel bedankte das Hagen-Quartett, auch im Ausblick auf das Konzert heute (3.3.) Nachmittag durch die Zugabe aus dem Es-Dur-Quartett Nr. 6.

Bild: ISM / Wolfgang Lienbacher