asdf
 

Der Abend der Countertenöre

MOZARTWOCHE / JAROUSSKY, WESSEL

30/01/11 Unter den Countertenören steht er als Klasse für sich: Eine hellere, klarere, schlanker geführte und dennoch durchsetzungskräftigere Sopranstimme als jene von Philippe Jaroussky ist eigentlich nicht denkbar.  Am selben Freitagabend (28.1.) sang dann noch Kai Wessel einen Liedzyklus von Heinz Holliger.

Von Reinhard Kriechbaum

altEine Enttäuschung vorab: Marc Minkowsky war erkrankt – angeblich die erste Absage seines Lebens! Also ist Thibault Noally, Konzertmeister der Musiciens du Louvre-Grenoble in die Bresche gesprungen. Das Programm war gerettet, die Musik nicht unbedingt. Gar ruppig kam Mozarts Haffner-Symphonie daher. Und so wohlig-lyrisch Schuberts Sechste Symphonie koloriert war, konnte man doch nicht überhören: Die Musiciens du Louvre, dieses technisch und stilistisch famose Orchester, leben im Konzert-Ernstfall doch vom unmittelbaren Input ihres Dirigenten Marc Minkowski. Er hat wirklich gefehlt an diesem Abend.

altUmso heller leuchtete die Stimme von Philippe Jaroussky, auch wenn er an dem Abend nicht ganz auf der Höhe der ihm sonst eigenen, souveränen Stimmführung wirkte. Vielleicht ist im Mozart-Fach, in der konzertanten Aufführungssituation, ja auch seine gezierte Gestik, sagen wir: gewöhnungsbedürftig. Filigran in der Wirkung jedenfalls das langsam und gerundet formulierte Rondo des Sesto „Deh per questo istante solo“ aus dem „Titus“. Wesentlich dramatischer und gestalterisch in die Seitengedanken hinein ausgekostet die koloraturenreiche Idamante-Szene „Non ho colpa“ aus dem „Idomeneo“. Außerdem ein Fundstück: „Carattaco“ heißt eine Antiken-Oper von Johann Christian Bach. Die Römer bedrängen die englischen Stämme, in der Arie „Frau l’orrore di tanto spavento“ beklagt der Titelheld, ein Stammesfürst, wie die Heimat verwüstet wird. Die Musik des Londoner Bach klingt immer charmant und empfindsam – und so ist es auch in dieser Arie, die mehr klagend als panisch wirkt.

altErstaunlich, wenn zu später Stunde (22 Uhr) immer noch gut zweihundert Leute da sind – mit wachen Ohren für einen Liedzyklus von Heinz Holliger. „Beiseit“ hat der Schweizer als Titel für die zwölf vertonten Gedichte von Robert Walser gewählt, die einen fast in Schubert „Winterreise“ versetzen. Da ist Zwielichtiges, Nebeltrübes, Doppelbödiges mit hohem literarischen Verständnis kompiliert. Klarinette, Akkordeon und Kontrabass geben so differenzierte wie strukturell durchhörbare Klang-Gespinste. In diesem Zyklus wird nie flächig koloriert und schon gar nicht platt ausgemalt. Nach den vierzig Minuten wollte man augenblicklich nochmal von vorne zu hören anfangen, um tiefer einzudringen in die instrumentalen Subtexte.

Der Countertenor Kai Wessel war in diesen Gesängen, die irgendwie anknüpfen an Schönbergs „Pierrot“, auf mannigfaltige Weise gefordert: die für Heinz Holliger typische weit gespannte Kantilene ist da eben so entscheidend wie die hier sehr spezifisch eingesetzten melodramatischen Elemente, Mischformen aus Sing- und Sprechstimme. Holliger selbst leitete dirigierend das Mini-Ensemble an, mit den Musikern Teodoro Anzellotti (Akkordeon), Elmar Schmid (Bassklarinette) und Johannes Nied (Kontrabass). Höchste Konzentration seitens der Zuhörer.

Bilder: ISM / Wolfgang Lienbacher

 

DrehPunktKultur - Die Salzburger Kulturzeitung im Internet ©2014