Kehraus mit eisernem Besen

MOZARTWOCHE / COE / NÉZET-SÉGUIN

31/01/11 In einen überdimensionierten Besen mit ziemlich starren Borsten verwandelte Yannik Nézet-Séguin das Chamber Orchestra of Europe - um damit den Kehraus der Mozartwoche 2011 zu feiern. Assoziationen mit Hexen- oder Holzschuhtanz sind zulässig.

Von Heidemarie Klabacher

altEs war also eine recht temperamentvolle Angelegenheit: kurzweilig und immer wieder für Augeblicke aufregend musikantisch, großteils aber heillos übersteuert und unsensibel. Gilt nicht die Symphonie Es-Dur KV 543 ohnehin als Mozarts „Romantische“? Muss man sie tatsächlich zu einem Hexensabbat auf dem Blocksberg einstampfen?

Energie, Gewitterstimmung, Höllenfahrt - Mozart verträgt jederzeit auch einen handfesten Zugriff. Kontur und Attacke sind austauschbarem Hochglanz-Säuseln (wie es auch im Rahmen der Mozartwoche noch gelegentlich zu erleben ist) jederzeit vorzuziehen. Yannick Nézet-Séguin ist die Sache aber doch letztlich aus dem Ruder gelaufen.

Welch feine Dialog-Angebote hat Piotr Anderszewski im Konzert d-Moll für Klavier und Orchester KV 466 gemacht! Immer wieder hat Nézet-Séguin auf die elegant ausgeloteten Wendungen im altSoloklavier tatsächlich mit  ebenso eleganter Zurücknahme der Phonstärke reagiert. Doch meist nur, um die Klanglawinen dann wieder umso ungebärdiger den Blocksberg hinunterpoltern zu lassen.

Von welchem Kaliber das Chamber Orchestra of Europe ist - und welche Vorstellungen dem kanadischen Haudegen am Dirigentenpult dann doch durch den Kopf zu geistern scheinen: Das erlebte man auch in Carl Philipp Emmanuel Bachs Symphonie D-Dur immer wieder für kostbare Augenblicke. Plötzlich wurde der - von den ersten Unisono-Strichen an - schier undurchdringlich kompakte Streichersound durchsichtig, und gab den Holzbläsern Luft und Raum.

Erstaunlich in diesem turbulenten Kontext die Zugabe, die Motette „Ave verum Corpus“ in einem Streichersatz. Nézet-Séguin scheint ja tatsächlich auch andere Klangsphären anzustreben, als die des reinen Tobens. Im Augenblick scheint er sich freilich selber noch ein wenig im Wege zu stehen.

Hörfunkübertragung am Sonntag, 6. Februar, um 11.03 Uhr (Ö1)
Bild: ISM/Wolfgang Lienbacher