Klassisch zeitgenössisch - zeitgenössisch klassisch

MOZARTWOCHE / PHILHARMONIKER / PIERRE BOULEZ

Ein Programm, wie es typischer nicht sein könnte, für das erste Konzert der Wiener Philharmoniker in der letzten von Stephan Pauly verantworteten Mozartwoche: Mozart im Spannungsfeld zur klassischen Moderne. Am Pult steht Pierre Boulez. Solistin ist Mitsuko Uchida.

Von Heidemarie Klabacher

altWenn Klassisches und Zeitgenössisches in einem Konzert gespielt werden, hört man beides mit neuen Ohren. Diese Erfahrung kann man bei der Mozartwoche 2012 in mehreren Konzerten in exemplarischer Weise wieder machen. In den Kammerkonzerten laden Mitsuko Uchida und Jonathan Biss auf eine geheimnisvolle Reise von Chopins „Nocturnes“ und Schumanns „Waldszenen“ über Schönberg hin zu Mozart. Das Hagen Quartett stellt Mozart Bartók und Brahms gegenüber. Zusammen mit dem Quatuor Ébène spielt Mitsuko Uchida das Klavierquintett von César Franck - nach Streichquartetten von Mozart und Debussy.

Zusammen mit den Wiener Philharmonikern wird die Pianistin in Residence Mozarts Konzert für Klavier und Orchester F-Dur KV 459 und Arnold Schönbergs Konzert für Klavier und Orchester op. 42 interpretieren. „Umrahmt“ werden die beiden Klavierkonzerte von Schönbergs „Begleitmusik zu einer Lichtspielszene“ und Strawinskys „Pulcinella Suite“.

alt„Die Begleitungsmusik zu einer Lichtspielscene op. 34 zählt zu jenen Berliner Werken, die sämtlich Schönbergs neu entwickelte Methode der Komposition mit zwölf nur auf einander bezogenen Tönen anwenden“, so Therese Muxeneder im Programmheft. Die „Begleitungsmusik“ sei bei Schönberg im Jahr 1929 von einem deutschen Verlag in Auftrag gegeben worden, der auf die Herausgabe von Stimmungsmusiken für Stummfilme spezialisiert war. „Drohende Gefahr, Angst, Katastrophe“, sei der Untertitel des Stückes gewesen. Stille vor dem Sturm, Das Gefahrdrohende erscheint oder Die Gefahr führt zur Katastrophe (alternativ: Die Gefahr geht vorüber) lauteten die vorgegebenen Themen. Ob das Werk Schönbergs je im Kino gespielt wurde, ist nicht bekannt, die Uraufführung war jedenfalls 1930 in Frankfurt - aber nicht im Kino. Obwohl Schönberg gegen eine konzertante Aufführung gewesen sei.

Mit 11. Dezember 1784 ist das Konzert F-Dur für Klavier und Orchester KV 459 datiert, bereits das sechste, das Mozart in diesem Jahr komponiert hat. Er musste sein Publikum mit immer neuen Werken und Effekten überraschen. „nun können sie sich leicht vorstellen, dass ich nothwendig Neue Sachen spiellen muß – da muß man also schreiben“, heißt es in einem Brief Mozarts an seinen Vater im März 1784. Mitsuko Uchida ist genau die Pianistin, die mit ihren subtilen und doch so kraftvollen Interpretationen ihr Publikum ebenfalls immer wieder in Staunen zu versetzen weiß.

Spannend wird es, der Begegnung Schönberg/Uchida zu lauschen. Sein Klavierkonzert op. 42 ist 1942 entstanden. Sein „Programm“ erzählt Ereignisse aus der unmittelbaren Lebensgeschichte des Komponisten in den Jahren zuvor: „1) Life was so easy (pleasant) / 2) Suddenly hatred broke out / 3) A grave situation was created / 4) But life goes on“. Diese kurzen Angaben dokumentieren ein Künstlerschicksal: Erfolg in Berlin, die Bedrohung durch die Nazis, Flucht - und neues Leben im Exil.

Bilder: ISM/Julien Pumfrey (1); Philippe Gontier (1)