Flirrende Virtuosität

MOZARTEUMORCHESTER / SONNTAGSMATINEE

10/10/16 Mit der ersten „Sonntagsmatinee“ im Großen Festspielhaus startete das Mozarteumorchester unter der Leitung von Markus Stenz – zusammen mit der Geigerin Arabella Steinbacher – brillant in die neue Saison.

Von Elisabeth Aumiller

Mit Hector Berlioz' „Carnaval romain“, Sergei Prokofjews erstem Violinkonzert und Dmitri Schostakowitschs fünfter Sinfonie zeigten die einzelnen Instrumentengruppen und Solisten ihre Stärken und beeindruckten als Klangkörper mit dynamischer Vielfalt von zart schillernder Transparenz bis zum auftrumpfenden Ausbruch in voller Power.

Berlioz' „Carnaval romain“, ursprünglich als Zwischenaktmusik seiner Oper „Benvenuto Cellini“ konzipiert, war als einzelnem Konzertstück weit mehr Erfolg beschieden als der ganzen Oper. Als schönen Auftakt zum Matineeprogramm kostete Markus Stenz mit den Musikern filigrane Lyrismen ebenso aus wie die Effekte karnevalistischer Ausgelassenheit in wirbelnder Tanzrhythmik. Das Englischhorn spann den elegischen Melodiebogen, Bratschen und Celli reichten sanfte Streicherthemen an die Violinen weiter bevor Trompeten-Geschmetter und kräftige Schlagwerkbegleitung das Vergnügen energisch dem Ende zusteuern ließen.

Arabella Steinbacher ging mit Prokofjews erstem Violinkonzert eine wunderbare Symbiose ein. Ihr silbrig irisierender Geigenton glänzte wie fließende Seide und steigerte sich im Gegenzug zu energetisch aufgeladenem Bogentanz mit virtuoser Griffakrobatik. Lustige Pizzicati und feine Tremoli mischten sich harmonisch mit den Harfenarpeggien. Schlagzeuger und Tuba durften kräftig mitmischen. Arabella Steinbacher formte in kontemplativer Ruhe wiederholt feine melodische Linien, polyphon durchwachsen, die sie wie kristallene Glasglockentöne auslaufen ließ. Ein munterer Tanz im zweiten Satz suggerierte spielende Harlekins und mündete in hoch virtuose Chromatik, von Zwischenrufen der Tuba unterteilt. I

im eleganten Cantabile sang die Geige im dritten Satz. Von den Klarinetten sekundiert und der Bläserriege unterbaut, kletterte die Violine bravourös in kühne Höhen, die in filigrane Trillerketten mündeten und wie das ferne Plätschern eines geheimen Quells anmuteten. Mit Eleganz und Bravour machte Steinbacher zusammen mit dem Dirigenten und dem wie immer blenden disponierten Orchester das Konzert zum exquisiten Hörerlebnis. Begeisterung beim Publikum, das nach der Zugabe des ersten Satzes von Sergeu Prokofjews Solosonate für Violine den Applaus nochmals kräftig auflud.

Dmitri Schostakowitschs „Fünfte“ gab dem Mozarteumorchester perfekte Gelegenheit, volles Profil zu zeigen und das vielschichtige Tongemälde in expressiven Farben leuchten zu lassen. Markus Stenz führte mit souveräner Hand und motivierte zu klanglicher Raffinesse, ließ der Musik bei aller rhythmischer Stringenz aber auch Raum zum Atmen und Schwingen. „Trauer, Jubel und Parodie“ schlug das Programmheft als Inhalte der Sinfonie vor. Trauer wegen der von der Politik gemachten einschränkenden Auflagen an den Komponisten, falscher Jubel für das Sowjetregime, das damit musikalisch parodiert und ironisiert wurde. Schostakowitsch habe sein musikalisches Vokabular etwas entschlackt von den ursprünglichen Konzepten und den Vorgaben angepasst, heißt es. Im Hörergebnis verschwanden die zeitgeschichtlichen Hintergründe, denen der Komponist ausgeliefert war. Übrig blieben die eng nebeneinander liegenden Stimmungen von tiefer Trauer, Romantik, fröhlicher Schlichtheit, kantablen Linien und wildem Aufbegehren mit harter Rhythmik, charakteristischer Instrumentierung und unkonventionellen Tonkombinationen.

Die Musiker, vom Dirigenten klar und konzentriert geleitet, spielten mit Glanz, Intensität und Spannung. Die Flöten übernahmen das Thema der Solovioline und die Harfen mischten sich ein. Ein zartes Geigentremolo fütterte die klagende Oboenmelodie, die Klarinette löste sie ab und begleitet von Xylophon und Klavier steigerte sich das Tongespinst, das sich im Finale zum ekstatisch aufgeladenen Klangbad aufschwang.

Bilder: www.markusstenz.com/MolinaVisuals/Josep Molina (1); www.arabella-steinbacher.com/Peter Rigaud (1)