Feuer und Krieg

CAMERATA SALZBURG / LORENZO VIOTTI

15/11/16 Ein Konzert mit zwei Teilen, die unterschiedlicher nicht sein hätten können: Triumph für den Young Conductors Award Gewinner der Festspiele 2105, Lorenzo Viotti, und die auf ihn eingeschworene Camerata. Dazu begeisterte als zweiter Gast der Cellist Miklós Perényi.

Von Horst Reischenböck

Die Anfangsbuchstaben der Komponisten-Familiennamen des 2. Abonnementkonzerts bewegten sich Freitag (11. 11.) im Halbtonbereich h-b-h: ausgehend von Joseph Haydn über Johann Sebastian Bach zu Arthur Honegger. Eine schlüssige Werkfolge, wobei freilich nach der Pause etliche Plätze im Großen Saal des Mozarteums leer blieben.

Als ein wahrer Feuerkopf zündete der 26jährige Dirigent Lorenzo Viotti eingangs Hals über Kopf Haydns so betitelte „Feuersinfonie“ in A-Dur an. Eigentlich ist ihrem Namen keine Bedeutung beizumessen ist, und auch die Nummerierung Anthony Hobokens (I:59) hat nichts mit der chronologischen Entstehung zu tun. Das Werk ist mit den abrupt wechselnden Forte- und Pianopassagen im Eröffnungssatz, gewürzt durch die Spannung verschärfende Generalpausen, der „Sturm-und-Drang“-Periode am Esterházischen Hof zuzurechnen. Theatralik pur, die auch dem so harmlos wirkend nachfolgenden Andante eignet, in dessen reinen Streicherklang gegen Schluss die exzellent geblasen paarweisen Oboen und Hörner durch ihren Einstieg für Überraschung sorgen.

Ein zündendes Werk jedenfalls, ein kleiner Vorgeschmack auf die längst fällige Ehrenrettung für den Komponisten im Rahmen der bevorstehenden Mozartwoche. Und die Camerata wird Haydn ja auch im Festspielsommer 2017 eines ihrer Konzerte widmen.

An Haydns C-Dur-Cellokonzert Hob. VIIb:1 kommt seit seiner Wiederentdeckung kein maßgeblicher Interpret vorbei. Über Ungarns Aushängeschild Miklós Perényi als Solist durften sich sowohl Orchester wie Hörer freuen. Unprätentiös spielte er vom ersten Takt an im Tutti mit, erweiterte gleichsam als „Primus inter pares“ die hinter ihm postierte Violoncello-Gruppe zum Quartett, um sich auch dann nicht speziell im Rampenlicht zu exponieren. Es bedarf wohl Altersweisheit, um sich derart unaufdringlich, nichtsdestoweniger logisch ins Umfeld zu integrieren und, wenn gefordert, dann doch daraus abzuheben. Sowohl schlank wie satt gefärbt in der Tongebung und ohne jegliche erkennbare Mühe im Meistern der nicht unerheblich virtuosen Anforderungen.

Den langanhaltenden Jubel bedankte Perényi mit einem Bach-Solo und schlug damit zugleich eine gedanklich verbindende Brücke zum zweiten Teil des Abends, der von der heuer durch Patricio Cueto geschaffenen Bearbeitung des Choralvorspiels „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“ BWV 686 im dazu total abgedunkelten Großen Saal des Mozarteums nahtlos in des Schweizers Honegger Zweite Sinfonie in D führte. Sie wurde einst durch Paul Sacher in Basel angeregt, dessen Mäzenatentum die Musikwelt zahlreiche bedeutende Werke verdankt. Er erhielt die Partitur als Mikrofilm durch Ernest Ansermet aus dem besetzten Paris. Angesichts der damaligen Kriegswirren ist es ein mehrheitlich düsteres Opus mit, leider, ungebrochen akuter Aussage und Bedeutung. Das war gedanklich doppelt passend zum Datum 11. November, an dem auch 1918 erst die Waffen ruhten.

Viotti schonte weder sich noch die willig folgende Camerata. Er trieb das Orchester förmlich bis ins abschließende Presto hinein, durch eine Partitur, die wie kaum eine andere den 19 Streichern das Letzte an Ausdruckskraft abfordert, bis Solotrompeter Kurt Körner vom Balkon aus den besänftigenden Choral anstimmen durfte. Es war auch höchst an der Zeit, diese Sinfonie endlich wieder und zugleich in derart kompetenter Wiedergabe in Salzburg zu vernehmen!

Bilder: www.hilbert.de / Stephan Doleschal (1); www.impresariat-simmenauer.de / Kata Schiller (1)