Aus Wolfgangs Königreich Rücken

HINTERGRUND / MOZARTIANA

20/04/17 Schon seit dem 19. Jahrhundert glaubt man, dass die hier zu sehende anmutige Dame ein Porträt von Nannerl, von Mozarts Schwester Maria Anna ist. Nun gelangte das Porträtbild aus Privatbesitz in die Sammlung der Stiftung Mozarteum. Künftig ist es im Mozart-Wohnhaus ausgestellt.

Für die Mozart-Forschung aufschlussreicher ist eine weitere Neuerwerbung der Stiftung. Im März hat man bei einer Autographen-Auktion in Berlin ein Brief von Maria Anna Mozart ersteigert. Da erinnert sich Nannerl 1799 an ihren Bruder. Der Brief, bisher in Privatbesitz, sei eines der persönlichsten und aufschlussreichsten Zeugnisse über dessen Kindheit, heißt es bei der Stiftung. Der vierseitige Brief sei deshalb eine außerordentliche Bereicherung für die weltweit einzigartige Sammlung an Autographen der Familie Mozart in der Stiftung Mozarteum Salzburg, die unter anderem etwa 200 Originalbriefe Mozarts, rund 300 Briefe seines Vaters Leopold und 100 autographe Musikhandschriften umfasst.

Von Nannerl besitzt die Bibliotheca Mozartiana der Stiftung über 80 Briefe, Tagebuchblätter und andere Schriftstücke. Mozarts Schwester Maria Anna (1751–1829) kommt für die Vermittlung authentischer Informationen über Mozarts Leben und Werk zentrale Bedeutung zu. Sie war es, die die Familienkorrespondenz über Jahre sorgsam verwahrte. Dazu gehören unter anderem Leopold Mozarts Briefe aus der Zeit der Wunderkindreisen, Reisebriefe Mozarts und der Briefwechsel Mozarts mit seinem Vater während seiner Zeit in Wien. Diese Briefe, verbunden mit Maria Annas handschriftlichen Erinnerungen, waren und sind eine unschätzbare dokumentarische Quelle.

Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eine Korrespondenz, die sie in den Jahren 1799 bis 1807 mit dem Leipziger Musikverlag Breitkopf und Härtel über ihren Bruder führte. Einen Großteil dieser etwa vierzig Briefe besitzt die Bibliotheca Mozartiana bereits, die Vervollständigung der Sammlung mit der Neuerwerbung ist daher von großer Bedeutung.

Maria Anna, verheiratete Freifrau von Berchtold zu Sonnenburg, schrieb diesen Brief am 24. November 1799 in St. Gilgen. Auf insgesamt vier Seiten stellte Nannerl mehrere berühmt gewordene Anekdoten aus Mozarts Kindheit zusammen. Sie beziehen sich auf die Zeit der ausgedehnten Reisen und enthalten auch eine berührende Erinnerung an die besonders liebevolle Verbindung zwischen Wolfgang Amadé und seinem Vater.

„… 1ten Da die Reisen so wir machten, ihn in unterschiedene Länder führten, so sann er sich wärrend daß wir von einen Ort in das andere fuhren ein Königreich aus, welches er das Königreich Rücken nannte, er sagte, er wäre der König von diesen Reiche, und unser Bediente, der ein wenig zeichnen konnte, musste eine Karte davon machen, wovon er ihm die Nammen der Städte, Märkte, und Dörfer dictirte.
2ten. Er hatte so eine zährtliche Liebe zu seinen Eltern, besonders zu seinen Vater, daß er eine Melodie componirte, die er täglich, vor dem schlafen gehen, da ihm sein Vater auf einen Sessel stellen musste vorsang, der Vater musste alzeit die Secund [= zweite Stimme] dazu singen, und wenn dann diese Feyerlichkeit vorbei war, welche keinen tag durfte unterlassen werden, so küsste er seinen Vater mit innigster Zährtlichkeit, und legte sich dann mit vieler Zufriedenheit und Ruhe zu bette ... diesen Spas trieb er bis in sein 10tes Jahr.“

Unter dem Titel „Noch einige Anekdoten aus Mozarts Kinderjahren. Mitgetheilt von dessen

Schwestern, der Reichsfreyin, Frau von Berthold zu Sonnenburg“ wurden diese Anekdoten im Jänner 1800 in der von Breitkopf und Härtel verlegten Allgemeinen musikalischen Zeitung im Auszug veröffentlicht. (ISM)

Bilder: ISM