Vergesst den Brexit!

KULTURTAGE / ORCHESTRE NATIONAL BORDEAUX AQUITAINE 

17/10/19 Das Orchestre National Bordeaux Aquitaine hat zuletzt vor 25 Jahren seine Visitenkarte bei der Kulturvereinigung hinterlegt. Bei den Kulturtagen spielt das Orchester unter der Leitung von Paul Daniel Werke aus Frankreich und England. Solist ist der Stargeiger Renaud Capuçon.

Von Horst Reischenböck

Bordeaux ist nicht nur Synonym für exzellenten Rotwein. Sein mehrheitlich durchaus jung besetzes Orchester besticht durch spezifisch lockeren, hellen und durchsichtigen Klang. Damit rückte man am Mittwoch (16.10.) im Großen Festspielhaus Edward Elgars voluminös spätromantischer Tonsprache zu Leibe und fächerte diese transparent auf: Das beinah einstündig überbordende Konzert für Violine und Orchester h-Moll op. 61 zählt neben Max Regers Gegenstück zu den ausgedehntesten Beiträgen zur Gattung.

Angeregt vom Widmungsträger Fritz Kreisler entstand zweiundzwanzig Jahre nach Entstehen des Werks unter des Komponisten Leitung die damit wohl authentischste Aufnahme, Solist war der damals noch blutjunge Yehudi Menuhin. Bis heute ist das Werk voller Schönheiten seiner großen Anforderungen an den Solisten wegen absoluten Virtuosen vorbehalten - wie einst etwa Jascha Heifetz oder heutzutage Renaud Capuçon: Auf der Guarneri seines einstigen Lehrers Isaac Stern wandte der Vierzigjährige sich nach der dramatisch ausgedehnten Orchestereinleitung den Schönheiten der ihm anvertrauten Themen zu.

Im Grunde ist schon der erste Satz ein fordernder Brocken, bei dem Capuçon der Sicherheit wegen ab und zu in die Noten blickte. Typisch für Elgar hinterließ dieser auf Spanisch mit Aqui está encerrada el alma de … (Hierin liegt die verborgene Seele von …) auch im melodisch überströmenden Andante ein bislang nicht entschlüsseltes Geheimnis. Nach dessen Kantilene spannte Capuçon das Finale mit seinem Bezug auf den Kopfsatz und der genial ausgedehnt einzigartigen Kadenz spannungsgeladen zum abschließend großen Bogen.

Triumph für den Solisten, aber auch für den seinen britischen Partner Paul Daniel, der mit großbogig raumgreifener Zeichengebung sowohl dem prachtvoll tönenden Orchestre National Bordeaux Aquitaine wie auch dem Auditorium sein Herzblut vermittelte. Diese Intensität bestätigend ließ der grandiose Passacaglia op. 33 aus Peter Grimes von Benjamin Britten folgen, ehe er sich genauso hingebungsvoll mit der Symphonie Nr. 1 C-Dur dem jugendlichen Genie von Georges Bizet widmete: Ein in den Ecksätzen duftiger Wirbelwind und exzellente Gelegenheit, den typischen Klang des französischen Hörnerquartetts aufzunehmen oder im Adagio den zärtlich verströmenden Klängen des Solooboisten zu lauschen.

Brexit hin oder her: Zumindest betreffs der musikalischen Verbindung über den Kanal hinweg bleiben dank eines so temperamentvoll mit dem Galopp aus den Jeux d‘enfants abschließend befeuernden Dirigenten wie eben Paul Daniel keine Sorgen für die Zukunft offen.

Heute Donnerstag (17.10.) wird dasselbe Programm gespielt, morgen Freitag (18.10.) Renaud Capuçon Poème von Chaussons und Tzigane von Ravel spielen, umrahmt von dessen Tombeau de Couperin und Elgars Enigma Variations - www.kulturvereinigung.com
Bilder: Kulturvereinigung