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Visionen der Freiheit

MOZARTEUMORCHESTER / SONNTAGSMATINEE

17/01/22 Aus elektronischer Mystik steigt ein vielfältig schillernder Orchesterklang, dramatisch, oft hoch emotional. Aus kleinen, sich verwandelnden Motiven entsteht eine faszinierende Klangwelt. Die Energie des Rhythmus wird ebenso wenig verleugnet wie die Kraft der Melodik: Z Metamorposis für Orchester von Minas Borboudakis – eine Uraufführung in der Sonntagsmatinee des Mozarteumorchesters unter Constantinos Carydis.

Von Paul Kornbeck

Borboudakis, 1974 in Kreta geboren, in München wohnhaft geworden, hatte sowohl in Athen 2018 als auch bei den Münchner Opernfestspielen 2019 einen großen Erfolg mit seiner Oper „Z“. Darin geht es um den Mord am griechischen Friedenspolitiker Grigoris Lambrakis 1963, der im Roman von Vassilis Vassilkos und 1969 im Film von Costa-Gavras zur künstlerischen und aufrüttelnden Anklage gegen den Rechtsextremismus wurde. Minas Borboudakis hat auf Wunsch des Dirigenten Constantinos Carydis aus der kammermusikalischen Opernpartitur ein im Grunde freitonales Orchesterwerk destilliert, welches ebenso tief berühren wie in nahezu groovenden Sequenzen auch mitreißen kann. Dies ist keine Orchestersuite nach altem Muster, sondern eine grandios in sich stimmige neue Form der Symphonischen Tondichtung. Carydis setzte das beeindruckende Werk mit dem in großer Besetzung groß aufspielenden Mozarteumorchester mit Perfektion, doch vor allem mit spürbarer Hingabe um. Das Publikum reagierte mit Begeisterung und Minas Borboudakis würde man sehr gerne sehr oft wiedersehen!

Die Sonntagsmatinee (16.1.) im Großen Festspielhaus war dramaturgisch klug geplant. Als eine Hommage an die Vision einer freien Welt, der nicht nur Borboudakis, sondern auch Arnold Schönberg und Ludwig van Beethoven huldigten. Des Letzteren stimmungsvolle Equali, drei Trauerstücke für vier Posaunen zum Allerheiligentag, zogen sich atmosphärisch durch das Programm. Schönbergs 1898 entstandene, zu Beginn gespielte 2 Gesänge op. 1, ausufernd chromatische Spätromantik ohne echte Substanz, schildern dagegen die Tragik verlorener Liebe zu früh-expressionistischen Texten des Südmährers Karl von Levetzow, der im Oktober 1945 in einer tschechischen Strafanstalt ums Leben kam. Andreas Skouras holte am Flügel alles heraus, was in der vollsaftigen Klavierstimme steckt. Die Gesänge sind eher opernhafte Monologe als Lieder, was den an sich famosen Bariton Georg Nigl zu geradezu veristischen Trompetentönen auf Kosten der Textverständlichkeit verleitete – wohl  auch bedingt durch die Größe des Raums.

Als Sprecher des im englischen Original dargebotenen Byron-Textes in Schönbergs reichlich ambivalenter Ode an Napoleon zeigte Nigl dann, was für ein treffsicherer und charismatischer Rezitator er ist. Die gestrenge Zwölfton-Partitur brachten Dirigent und Orchester Ehrfurcht gebietend zum Leuchten. Und dann Beethovens Siebte, welch ein  gewaltiger und doch gehaltvoller Tanz für die Freiheit! Constantinos Carydis fand inmitten des effektvollen Getümmels aber auch genügend Raum für fein ziselierte Detailarbeit und bewegenden symphonischen Atem. Das Orchester zeigte sich in Höchstform. Berechtigt großer Jubel!

Bild: www.harrisonparrott.com

 

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