Tausend Tode zur Weihnachtszeit

WINTERFEST / WINTERREISEN

24/12/13 Das Winterfest lud ins Spiegelzelt zu „Zwei Winterreisen“: ambitioniert, gleich zweimal der Gang in den Suizid am selben Abend, zwei Tage vor Heilig Abend, konträr zum Weihnachtstralala, parallel zu den Zirkusveranstaltungen mit weniger dezenter Musik, die kräftig herüberschallt, herausfordernd für Künstler wie Publikum.

Von Christiane Keckeis

533Winterreise also. Nein, zweimal Winterreise. Schubert. Nein, nicht Schubert. Aber irgendwie doch. Mal eben so „Winterreise“ ohne Schubert geht halt nicht – und so kommen weder die Winter.reise.bilder des griechischen Komponisten Periklis Liakakis für Sänger und Trio basso noch Bertl Mütters schubert:winterreise ohne Schuberts Ideen aus, streben das auch gar nicht an, aber, tja... Es gibt eben immer noch dem Schubert etwas hinzuzufügen, es gilt, ihn auszulegen, zu intensivieren, zu verflachen, ihn bloßzulegen, zu verbessern gar. Oder?

Liakakis Version vermag mit ihren „Übermalungen“ durchaus den Blick zu schärfen, dahin wo es weh tut – und die drei hervorragenden Musiker von oenm Jutas Jàvorka (Bratsche), Peter Sigl (Cello) und Michael Seifried (Kontrabass) lassen mit trockenen, manchmal spröden Klangfarben Eiseskälte entstehen, der Winter wird spürbar in klirrenden Collegna, in attackierenden Rhythmen, in zitternden Tremoli, die Fremde erscheint in unerwarteten Tonartverschiebungen, Träume von Frühling werden mit melodiösen warmen Linien ausgemalt, aber die Irritationen nehmen immer wieder überhand bis zur Aussichtslosigkeit im Verarmen der Tonsprache.

Liakakis schafft es klug, die instrumentale Begleitung ganz im Sinne Schuberts, aber mit heut möglichen Mitteln zu einem Szenenbild für den Sänger zu machen. Auch der Sänger selbst darf manchmal aus dem Schubertschen Duktus ausscheren, die Sprache wechseln, einen Lückentext singen oder überhaupt sprechen, doch scheinen die für den Sänger vorgesehenen Veränderungen weniger motiviert, oberflächlicher, manchmal banal.

Der Bassist Wolfgang Bankl übernahm den Gesangspart, der in der Spannung zwischen allseits bekannter Melodie und harmonisch ausbrechender Begleitung oft heikel zu bewältigen war. Gut aufgehoben waren die dramatischen Ausbrüche bei Bankl, alles Feinere hätte wohl einen versierteren Liedsänger gebraucht: Sprachdeutlichkeit und Intonation wurden gelegentlich Schubert und seinem Dichter Müller nur wenig gerecht, da ward aus dem „Herz“ ein „Harz“ und aus dem „stehn“ ein „stöhn“ und der Ton, nach oben gestemmt, war dann auch mal etwas zu tief. So blieb die wahre Freude aus, aber wer soll sich auch freuen, wenns um verlorene Liebe und innerliche Erstarrung geht.

Das Leiden des Wanderers nachzuempfinden: Das gelingt dem Posaunisten Bertl Mütter mit seiner längst kultigen Interpretation des Schubert’schen Zyklus mit Posaune, Flügel- und Muschelhorn und mit der Stimme 24 Stücke lang. Mütter erspart dem Publikum nichts: Strophe für Strophe exerziert er sie durch, seine Winterreise – ein „Klassiker“ mit dem Mütter sein Publikum anno 2001 zum ersten Mal verblüffte. Auch das Publikum im Spiegelzelt im Volksgarten schwankt: Ist das jetzt lustig oder ernst? Kabarett? Ernstgemeinte Musikdarbietung? Es gibt bewegende Momente, clowneske Situationen, auch Aufrüttelndes, aber dazwischen auch scheinbaren Leerlauf. Es geht Mütter letztlich darum, den Schmerz, die Pein des Aushaltens, Durchhaltens spürbar zu machen, am eigenen Leibe. Ein Teil des Publikums hält leider nicht durch zum Schluss. Nicht ganz verwunderlich. Nach mehr als drei Stunden - inzwischen tatsächlich mehrere Tode gestorben - verlässt der Mensch durchaus ein wenig dankbar das Zelt und freut sich fast, als von irgendwo etwas wie „Jingle Bells“ herüberklimpert. Wie erleichternd kann so ein Weihnachtstralala sein.

Bilder: www.muetter.at / Christof Zachl