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Ein Belcanto-Fest als Pfingstwunder

PFINGSTFESTSPIELE / JAVIER CAMARENA

22/05/18 Er ist einer der wahren Stimmvirtuosen unserer Zeit: Javier Camarena. Der mexikanische Tenor widmete sein Recital am 25. Mai im Mozarteum einem legendären Vorgänger: Manuel García aus Sevilla war ein Beherrscher der Opernbühnen beiderseits des Atlantiks in der Rossini-Zeit. Und ein fruchtbarer Komponist von Tonadillas, Sainetas und großen Opern.

Von Gottfried Franz Kasparek

Es gibt sogar Symphonien und Kammermusik von García, aber der gefeierte Tenorheld und stilbildende Gesangspädagoge stellte die Vokalmusik ins Zentrum seines Schaffens. Mit seinen vielen Liedern war er so etwas wie ein Schlagerkomponist der Belcanto-Ära. Mit ein paar Dutzend einaktigen, meist heiteren Opern in seiner Muttersprache schuf er eine der Grundlagen der Zarzuela, der spanischen Operette. Da er seinen Wohnsitz in Paris aufschlug, vertonte er auch französische und italienische Texte, wagte sich 1821 an eine „Tragédie-lyrique“ über Torquato Tasso und an Formen der „Grand Operá“.

Javier Camarena sang mit spürbarer Empathie zwei Ausschnitte aus „La Mort de Tasse“ – erstaunlich einfache, liedhafte Arien sind das, freilich höchst apart instrumentiert. Der Monolog aus der Einpersonenoper „El poeta calculista“ von 1805 ist eine musikalisch pointiert formulierte Satire auf den Theaterbetrieb und seine Folgen – „hernach, hübsch bissig, auf dass es gelinge, Auftritt Kritiker und Schreiberlinge“ heißt es da in der Übersetzung der Texte, deren Herkunft das Programmheft leider konsequent verschweigt. Jedenfalls die beste Gelegenheit für Camarena, stupendes spanisches Parlando und komische Mimik vorzuführen. Denn der Tenor macht das Konzertpodium unversehens zur Bühne.

Camarenas Stimme ist eine „weiß“ timbrierte, in der klaren, hellen und todsicheren Höhe effektvoll strahlende, aber keine eingleisige, denn in der Tiefe und Mittellage ist auch Schmelz vorhanden. So kann er die virtuose Arie aus Garcías abendfüllender spanischer Oper „El gitano por amor“ (um 1828), einer zeittypischen Liebes- und Zigeunergeschichte, mit vielen Facetten versehen. Wobei klar wird, dass der Komponist García dort am besten ist, wo er am besten Rossini kopiert hat – und diesem Eklektizismus eine originelle Instrumentierung beifügt, die fast an Berlioz denken lässt. Dies wurde schon am Beginn des Recitals klar, als das Barockensemble „Les Musiciens du Prince-Monaco“ unter der straff anfeuernden Leitung von Gianluca Capuana die Ouvertüre zur Buffo-Oper „Don Chisciotte“ darbot.

Barockensemble? Nun ja, die Orchesterinstrumente um 1820 waren großteils noch barock, aber die Musik längst nicht mehr. Wie auch immer, das von Cecilia Bartoli mit Hilfe des monegassischen Fürstenhauses gegründete Orchester spielt in einer Mozart-Besetzung, gottlob ohne ständiges Cembalogeklingel, auch die Musik der Klassik und frühen Romantik gustiös und mit vitaler Energie. Maestro Capuana kann perfekt mit einem nuanciert singenden und vielfältig gestaltenden Interpreten wie Javier Camarena atmen, also wurden auch die stimmlichen Exhibitionen aus Rossinis „La Cenerentola“, „Ricciardo e Zoraide“ und „Il Barbiere di Siviglia“ zu kulinarischen Erlebnissen. Wobei schon klar wurde, wie weit Rossini den sehr achtbaren García und noch mehr den mit einer Arie und der formelhaften Ouvertüre zu „Giulietta e Romeo“ vertretenen Niccolò Antonio Zingarelli überragt – an melodischer Erfindungskraft und dramatischer Gestik. Die Crescendi, das heute wie damals mitreißende Brio des „Schwans von Pesaro“ kann man trefflich nachahmen, aber nicht übertreffen.

Jubelstürme für Javier Camarena. Als Zugaben: eine „Cenerentola“-Szene mit La Bartoli, die mit Besen und Schürze auf die Bühne wirbelte, vokal unterstützt von im Publikum platzierten Kolleginnen. Camarena mit der Serenade des Don Giovanni, denn auch den hat der Tenor García gesungen. Und schließlich noch ein Lied aus Mexiko. Opernherz, was willst Du mehr?

Bilder: SF / Marco Borrelli

 

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