Die Netrebko und ein Ur-Bösewicht

FESTSPIELE PFINGSTEN / TOSCA

25/05/21 Eigentlich gibt es nach diesen Salzburger Pfingstfestspielen nur eine wirklich schlechte Nachricht. Für Urologen. Das Durchhaltevermögen auch eines eher älteren Publikums ist beachtlich. 2h17min die konzertante Tosca am Pfingstmontag Nachmittag. 2h10min am Vormittag Alessandro Scarlattis Oratorium Cain. Beide Mal so gut wie keine vorzeitigen Aussteiger.

Von Reinhard Kriechbaum

Aber wer wollte auch aussteigen, wenn Anna Netrebko als Tosca-Einspringerin da ist (für Anja Harteros). Die wirkliche Sensation dieser Aufführung unter Zubin Mehta war Luca Salsi, der statt Bryn Terfel den Scarpia übernommen hart. Salsi zeichnet einen Bösewicht von besonderer Gefährlichkeit. Kein stimmlich düsterer Unhold, sondern einer, der glasklar agiert, ganz offensichtlich als gewiefter Taktiker. Dieser Bösewicht kämpft mit offenem Visier. Da sitzt jedes Wort, trifft jede Seitenbemerkung. Man fürchtet sich vor diesem so elegant phrasierenden Scarpia.

Luca Salsi war in dieser Tosca – die Oper, die einem zum Schwerpunkt Roma aeterna dieser Pfingstfestspiele natürlich als allererste einfällt – also der Spielmacher schlechthin. Mühelos setzt er sich durch, auch wenn Zubin Mehta dem Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino alles andere als Zurückhaltung verordnet. Mehta hat einen abgeklärten Blick auf die Partitur, lässt quasi en passant viele quasi-impressionistische Details der Instrumentation herausarbeiten. Aber vor allem war diese Interpretation von den großen Linien, von geradezu wollüstiger Dramatik geprägt. Souverän führt Zubin Mehta die Forti in Fortissimi über, konsequent die großen Linien verfolgend. Das Lyrische, speziell im dritten Akt natürlich, kommt schon auch zu seinem Recht, aber entscheidend war an diesen Nachmittagsstunden im Großen Festspielhaus die dramatische Zuspitzung. Im Detail schon beinah übersteuert.

Mehr Vertrauen in die Protagonisten als Rücksichtnahme. Umso bemerkenswerter also, wie mühelos Luca Salsi das scharfe Profil seines Scarpia rüberbrachte, aber auch die Ausdrucksskala der Anna Netrebko. Die zickigen Eifersüchteleien der Tosca im ersten Akt differenziert sie als anschauliches Psychogramm einer Frau, die mit falschen Komplimenten und Misstrauen zu leben gelernt hat. In der Liebes-Emphase so wie in Eifersuchts-Ausbrüchen schwingt immer etwas Uneingelöstes mit, und das macht diese Rollengestaltung aufschlussreich. Die plötzlich samten-gedeckte Tongebung in der Arie Vissi d'arte, diese plötzliche seelische Innenschau im Moment ärgster Bedrängnis – das muss erst so glaubhaft gelingen.

Jonas Kaufmann als Cavaradossi: Ihm hätte man am ehesten ein wenig orchestrale Zurückhaltung gewünscht, auch wenn im Ernstfall alle hohen Töne hinlänglich leuchteten. Seine gestalterischen Meriten kamen erst im dritten Akt so recht zur Geltung.

Im zarten Alter von zehn Jahren hatte Cecilia Bartoli ihren allerersten Bühnenauftritt, da sang sie den Hirtenknaben an der römischen Oper. Da war noch lange keine Rede davon, dass sie mal wirklich Sängerin werden würde. Ein nettes Apercu, dass die Pfingstfestspiel-Leiterin fast 45 Jahre später wieder in diese Rolle schlüpfte. Der Auftritt des Pastorello dauert in etwa so lang, wie man im Großen Festspielhaus tändelnd von einem Bühnenportal zum anderen braucht.

Der Jubel am Ende konnte sich hören lassen.

Bilder: Salzburger Festspiele / Marco Borrelli