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Echte Gefühle im freien Lauf

PFINGSTFESTSPIELE / IPHIGENIE EN TAURIDE

24/05/15 Als Deus ex Machina betritt Diane die Bildfläche. Eine mondäne Gott-Dame in Gold. Lässig nimmt sie an der Vorderkante der Bühne Platz und wiegt sich lässig im Takt des „Lieto fine“: Da haben wir Götter es wieder mal ganz lustig getrieben mit den Menschlein und ihrem Schicksal…

Von Reinhard Kriechbaum

Ein ironisch positives Ende der Beinahe-Tragödie: Der Verzweiflungsruf „O Götter“ ist ja das textliche Leitmotiv von Christoph Willibalds Glucks Oper „Iphigénie en Tauride“. Da tut es irgendwie gut, am Ende gesagt zu kriegen: Nehmt es nicht so tragisch. Die Götter brauchen auch ihr Vergnügen! Im Übrigen zeigen die Regisseure Moshe Leiser und Patrice Caurier in dieser Finalszene, dass es den Protagonisten, die so lange am Fluch über ihrer Sippe gelitten haben, gar nicht leicht fällt, sich in die Wendung des Schicksals hinein zu finden. Ungläubig, wie vom Donner gerührt stehen und sitzen sie da, bewegen sich nur zögerlich. Der finale Jubelchor ist Sache der anderen…

„Iphigénie en Tauride“ also im Haus für Mozart. Ein Jahr zu spät (der 300. Geburtstag war 2014) kommt Gluck doch zu seinem Recht, mit einer Oper, die nur ganz selten irgendwo auf die Bühne findet. Schlimmer noch: Nicht eine einzige Musiknummer daraus hat es auch nur ansatzweise in Opern-Wunschkonzerte gebracht. Ist ein solches Urteil der Musikgeschichte eigentlich noch zu revidieren?

Nein, natürlich nicht. Das wird einem jetzt bei den Pfingstfestspielen umso bewusster, weil das Werk in einer szenisch wie musikalisch mehr als absolut untadeligen Aufführung, eben einer durch und durch festspielwürdigen Aufführung, zur Diskussion gestellt wird.

Gluck’sche Reformoper. Im Musikunterricht davon gehört, in Musikgeschichtsbüchern gelesen. Was heißt das konkret, hat es etwa der Barockoper an großen Gefühlen gefehlt? Natürlich nicht, aber sie waren dort in dramaturgisch vordefinierte Korsette geschnürt. Gluck ließ vergleichsweise hemmungslos den Gefühlen freien Lauf. Vor allem die Rezitative – durchwegs leidenschaftlich-glutvolle Accompagnati – sind aufgewertet, neu gewichtet gegenüber den Arien. Solche gibt es zwar, aber sie drängen sich nicht ins Ohr. „Iphigénie en Tauride“ ist eigentlich ein ganz frühes „durchkomponiertes“ Werk.

Bestes Material, um sich als Musiker darin gut einzurichten. Da sind die Sängerinnen und Sänger gefordert, eben weil sie sich nicht rezitativisch plänkelnd zur jeweils nächsten Arie retten können. Sie sind mit jedem gesungenen Satz in ihrer Leidenschaft, ihrem Gefühlsausdruck gefordert. Da darf nichts vorgetäuscht wirken. Das ist die Herausforderung, und deshalb hat Cecilia Bartoli gerade zu dieser Hauptrolle gegriffen (die von den gesangstechnischen Anforderungen ja beinah unter ihrer Würde ist): Es ist eben doch interpretatorisch viel zu arbeiten an einer solchen Partie. Was Wunder: Die Bartoli ist wieder einmal eine Instanz an Glaubwürdigkeit. Pure Authentizität in Gesang und Spiel.

Aber auch von Christopher Maltman darf man das sagen, der als (zuerst) unerkannter Bruder Oreste der Priesterin im Feindesland gegenüber steht. Er, sportgestählt, sieht aus wie eine griechische Männerstatue. Ihn kann man getrost splitterfasernackt herzeigen – und tut’s auch gute zehn Minuten lang. Stimmlich ist Maltman hintergründig dunkel und doch geschmeidig. Dass ihn der Mord an Mutter und Stiefvater verfolgt, nimmt man ihm absolut ab. Das ist gelebte unbewältigte Vergangenheit.

Oreste also soll Diane als Menschenopfer gebracht werden. Er und sein Begleiter Pylade (Topi Lehtipuu) haben viel Mord und Totschlag hinter sich und können es beide kaum erwarten, im Hades zu landen. Schlechter kann’s nicht werden. Dass einer von ihnen überleben soll, führt zu endlosen Diskussionen. Thoas (Michael Kraus) fordert mit des Basses Urgewalt Menschenopfer ein. Nur Festspiele können sich eine große Gruppe an Priesterinnen leisten, in denen keine Stimme abfällt. Der Coro della Radiotelevisione Svizzera leistet ganze Arbeit. Und die letzte Protagonistin, Diane, die sich endlich befreiend einmengt: Fast mit Understatement gestaltet Rebeca Olvera diese Rolle.

Getragen werden all die sängerischen Leistungen, an denen man höchstens da und dort das nicht bewältigte französische Idiom bemäkeln könnte (vor allem bei Topi Lehtipuu) von einem Orchester, das ein wenig unter die Bühne gekommen ist. Die ist nämlich ein gutes Stück vorgezogen über den Orchestergraben. An eine gewisse akustische Unterschwelligkeit des Originalklangorchesters „I Barrocchisti“ unter Diego Fasolis muss man sich also wohl gewöhnen. Aber die Damen und Herren spielen so konturenstark – nie weich zeichnend, aber auch nicht ungebührlich rupfig – dass letztlich die Balance zum Vokalen stimmt. Diego Fasolis hat diese Musik stilistisch perfekt drauf, mit starker Hand hält er Bühne und seine „Barrocchisti“ zusammen. Auch in dieser Hinsicht eine Referenzaufführung.

Die Szene: So ähnlich muss es in Flüchtlingslagern in Lampedusa aussehen. Iphigénie und die ihren sind von den Asyl gewährenden Skythen wohl mit Hadern von der letzten Caritas-Kleidersammlung ausgestattet worden (oder es ist das Gewand der Geopferten). In ziemlich jämmerlichem Outfit gehen sie, zwischen eisernen Bettgestellen, ihrem priesterlichen Dienst und dem begründeten Jammer übers Exil nach. Da sieht man, fass der Diane-Kult, den sich die Skythen unter den Nagel gerissen haben, ihnen nicht wirklich ein Herzensanliegen ist.

Das Regie-Team Moshe Leiser und Patrice Caurier, in Verein mit dem Bühnenbildner Christian Fenouillat und Kostümbildner Agostino Cavalca gelingt eine unprätentiöse Anverwandlung der „klassischen“ Geschichte ins Heute. Man kommt unwillkürlich ins Nachdenken darüber, wie es wohl den Asylheischenden in den Zelten geht, die das Innenministerium derzeit aufstellen lässt. War es die unorthodoxe Lösung mit dem herablassenden Auftritt der Goldenen Göttin Diane, der manche im Publikum gar so irritiert und zuletzt zu Buhrufen angestachelt hat? Jubelnde Zustimmung hat aber bei weitem überwogen, und das völlig zurecht.

Die zweite Aufführung ist morgen, Pfingstmontag (25.5.) um 15 Uhr im Haus für Mozart. Wiederaufnahme bei den Festspielen am 19. August – www.salzburgerfestspiele.at
Bilder: Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

 

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