asdf
 

Vollblutmenschen im kargen Raum

 

REST DER WELT / GENF / GÖTTERDÄMMERUNG

29/04/14 Hat sich das Genfer Grand Théâtre im Kalender geirrt? Richard Wagners 200. Geburtstag haben wir doch letztes Jahr gefeiert. Oder ist es bereits ein verfrühtes Geschenk zum nächsten Geburtstag am 22. Mai? Nun, gestartet hat die Nummer zwei der Schweizer Opernhäuser die Neuinszenierung des Rings sehr wohl im Geburtstagsjahr.

Von Oliver Schneider

Doch viele Häuser von mehr oder weniger Rang und Namen präsentierten im letzten Jahr neue Ring-Produktionen. Da ist es nicht schlecht, wenn man in diesem Jahr die Aufmerksamkeit für den Abschluss des Zyklus nicht zu sehr teilen muss.

Verheißungsvolle Namen hat Hausherr Tobias Richter für sein Projekt verpflichtet: Ingo Metzmacher, den deutschen Pultspezialist für das Repertoire des 20. und 21. Jahrhunderts, sowie den Regie-Altmeister Dieter Dorn.

Dass Dorn, der wie Wagner aus Leipzig stammt, kein Regie-Berserker ist, ist bekannt. Das bestätigten auch der Vorabend und die ersten beiden Tage der Genfer Ring-Tetralogie. Dorn erzählt Wagners fundamentale Macht- und Kapitalismuskritik, Brünnhildes enttäuschte Liebe zu ihrem Neffen Siegfried, den furchtlosen Kampf Siegfrieds mit dem Drachen Fasolt in schlichten Bildern. Nicht einmal – wie es Tankred Dorst im vorletzten Bayreuther Ring getan hat oder Andreas Kriegenburg ansatzweise in München – aus dem Blick des heutigen Zuschauers. Sondern nur fokussierend auf die Personen, in sparsamen Bildern seines Leibausstatters Jürgen Rose.

Konzepttreu geht es also in der „Götterdämmerung“ weiter. In Jürgen Roses dunklem, kargen Bühnenraum mit angedeuteten Handlungsorten können sich die Protagonisten spielerisch entfalten. Was sie auch mit Verve machen und sich dabei von Dorns Hand lenken lassen. Siegfried, Brünnhilde, Hagen, Gunther und Gutrune – sie wirken wie Menschen, die lieben und betrogen werden, nach Macht streben, Intrigen spinnen, sich rächen.

Mit dieser Welt fühlt sich Dorn näher verwandt als mit Riesen, Zwergen und Göttern, weshalb die „Götterdämmerung“ auch der gelungenste Teil der Genfer Tetralogie ist. Keinen Moment möchte man die – zumindest handlungsmäßig größtenteils redundante – Waltraute-Szene missen, in der Michelle Breedt impulsiv und verzweifelt bei ihrer Schwester Brünnhilde auf Granit beißt mit ihrem Ansinnen, den verfluchten Ring den Rheintöchtern zurückzugeben.

Hervorragend ist die Idee, Siegfried wirklich in der Gestalt Gunthers um Brünnhilde werben zu lassen. Einer der Höhepunkte ist das Aufeinandertreffen von Siegfried und Brünnhilde in der Gibichungenhalle (eine weiße Box). Siegfried hat sich trotz all seiner Erfahrungen, die er mittlerweile gemacht hat, etwas Naives bewahrt, was John Daszak mit seiner gar nicht so heldenhaften, aber gut tragenden Stimme unterstreicht. Der Brünnhilde von Petra Lang merkt man hingegen ihre göttliche Abstammung und innere Stärke in jedem Moment an. Langs Stimme mag Geschmackssache sein, ihre Bühnenpräsenz ist fantastisch. In ihrer Ausdruckskraft als Darstellerin erinnert sie dabei einmal mehr stark an Anja Silja.

Neben der Lang ist es für die übrigen Protagonisten schwierig, sich zu behaupten. Das gilt vor allem für den Gibichungen Hagen. Jeremy Milner fehlt es für den Bösewicht an Dämonie und der dazugehörigen Schwärze in der Stimme; er wirkt mehr wie ein gütiger Sarastro. Da ist John Lundgren als sein Vater Hagen von anderem Kaliber. Auf dem Niveau der Lang agiert hingegen Johannes Martin Kränzle als Hagens schwächlicher Halbbruder Gunther, Edith Haller als Gutrune punktet vor allem stimmlich mit ihrer klangvollen Mittellage.

Das eigentliche Ereignis des Genfer Rings bleibt auch am dritten Tag Ingo Metzmacher am Pult des Orchestre de la Suisse Romande mit seinem kammermusikalischen Ansatz. Hier verschwimmen die dicht aufeinanderfolgenden Motive nicht in einem trüben Klangstrom, sondern werden fast schon filigran aufgedröselt, um sich dann im glasklaren Wasser wieder zu vereinigen. Das Orchester kämpft leider an einigen Pulten mit Intonationstrübungen, auf ansprechendem Niveau gestaltet vor allem der Herrenchor des Hauses seinen Part (Einstudierung: Ching-Lien Wu).

Aufführungen bis 2. Mai. Zyklische „Ring“-Aufführungen gibt es am 13., 14., 16. und 18. Mai sowie am 20., 21., 23. und 25. Mai. - www.geneveopera.ch
Radio-Übertragung Espace 2 überträgt die Aufführung am 7. Juni um 20 Uhr.
Bilder: GTG / Carole Parodi

 

DrehPunktKultur - Die Salzburger Kulturzeitung im Internet ©2014