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An den Limits?

LUCERNE FESTIVAL

22/09/14 Mit einem „Who is who“ der Orchester- und Solistenelite endet traditionell das Lucerne Festival. Die Berliner und die Wiener Philharmoniker, das Concertgebouworkest und andere Große haben dem Festival am Vierwaldstättersee viel Glanz verliehen.

Von Oliver Schneider

Zwar hat man auch in Luzern längst gemerkt, dass man das Festivalprogramm nicht beliebig ausweiten kann. Gerade im Spätsommer, wenn auch bei den unermüdlichsten Klassikbegeisterten die Sättigungsgrenze erreicht ist und man andernorts schon wieder in die neue Saison startet, ist es für Intendant Michael Haefliger nicht ganz einfach, in Folge Abende der Berliner Philharmoniker, des Concertgebouworkest und des Gewandhausorchesters zu verkaufen. Viele Gäste kommen aus der Region. Noch bis zuletzt gab es für die meisten Konzerte Karten in den hohen Preiskategorien zwischen 220 und 320 Franken, mit denen man mit Pech übrigens in der Salle blanche von Jean Nouvel auch nur im dritten Balkon landet – oder schlimmer auf der Orgelempore. Aber selbstverständlich vermeldete die Direktion Auslastungs- und Verkaufsrekorde.

Es wäre gleichwohl schade, würden die Top-Orchester auf ihren Tourneen nicht in Luzern Halt machen, denn sie verleihen dem Festival einen zusätzlichen Glanzpunkt. Das ist besonders wichtig, bis klar sein wird, wie es mit dem Lucerne Festival Orchestra weitergehen und wie sich die so wichtige Festival Academy weiterentwickeln wird.

Die Berliner kamen unter Simon Rattle einem Rachmaninow/Strawinsky-Abend nach Luzern und mit Bachs „Matthäus-Passion“ ritualisiert von Peter Sellars. Im ersten Konzert des Koninklijk Concertgebouworkest unter Chefdirigent Mariss Jansons gab es Brahms Haydn-Variationen, Schostakowitschs Erste, Ravels Daphnis et Chloé-Suite sowie sein Klavierkonzert in G-Dur. Das zweite Konzert gestalteten sie mit dem Programm, mit dem sie einige Tage zuvor die Jubiläumssaison des Grazer Musikvereins eröffnet hatten: Leonidas Kavakos war der Solist in Brahms Violinkonzert. Jahresregent Richard Strauss trug sich 1893 mit dem Gedanken, eine Oper über Till Eulenspiegel zu komponieren. Aus dem Plan ist bekanntlich nichts geworden, dafür komponierte er 1894/95 die Tondichtung „Till Eulenspiegels lustige Streiche“, bei der die Musiker aus Amsterdam ihre Virtuosität im für den Schelm böse endenden Schabernack bewiesen.

Nicht nur das Solohorn und die Holzbläser, nein, beim Concertgebouw waren an diesem Abend alle Musikerinnen und Musiker schlicht Meister. Ebenso brillant und mit genauso viel Tiefgang erlebte man zuvor die Tondichtung „Tod und Verklärung“. Eine Interpretation, die länger im Gedächtnis bleiben als jene, die man kürzlich in Salzburg mit den Wiener Philharmonikern hören konnte, wobei der Vergleich natürlich ungerecht ist. Am Pult hatte am vorletzten August-Wochenende der bedeutend jüngere Gustavo Dudamel gestanden, mit dem die Wiener auch zu Gast in Salzburg waren und das Festspielfinale gestalteten.

 

Neben einem rein russischen Programm, das bereits in Grafenegg und Wien zu hören war, gaben sie Jean Sibelius‘ zweite Sinfonie. In den ersten drei dunkel grundierten Sätzen schien sich der Südamerikaner genauso wohlzufühlen wie beim strahlenden Dur-Schluss, und die Wiener sind natürlich mit ihrem samtigen Streicherklang das ideale Orchester für diese Musik. Zum Einspielen hatten sie Sibelius‘ „Der Schwan von Tuonela“ musiziert, bei dem Alexander Öhlberger intonationsrein das Solo-Englischhorn spielte. Dazwischen gab es eine brav exekutierte Sinfonia concertante von Mozart, zu der Dudamel wenig zu sagen hatte, die beiden Orchestersolisten Rainer Küchl und Heinrich Knoll immerhin teilweise recht hübsch miteinander dialogisierten. Standing Ovations bekamen die Philharmoniker und Dudamel übrigens erst für die Zugaben: die „Beliebte Annen-Polka“ von Johann Strauss Vater und „Unter Donner und Blitz“.

Im letzten Konzert musizierten die Wiener schließlich mit dem jungen armenischen Geiger Sergey Khachatryan Beethovens Violinkonzert. Er ist Preisträger des alle zwei Jahre vergebenen Credit Suisse Young Artist Awards. Und die Liste der bisherigen Preisträger – unter anderem Patricia Kopatchinskaja, Nicolas Altstaedt und Vilde Frang – lässt auch für Khachatryan einiges erwarten.

Cecilia Bartoli und die phänomenalen Tessiner I Barocchisti unter Diego Fasolis missionierten in Luzerne mal wieder für den Barockkomponisten, Politiker, Diplomaten und Priester Agostino Steffani. Und die Bartoli gab alles, um das Publikum in Steffanis kurzen Arien und Rezitativen d

 

urch die Hochs und Tiefs der menschlichen Seele zu führen – das Festspielthema lautete ja immerhin „Psyche“. Höhepunkt des Abends war Niobes flehende Liebesbeteuerung „Amami, e vedrai“ aus „Niobe, regina di Tebe“.

Obwohl ein Sofa auf dem Podium, auf dem die Bartoli während der konzertanten Intermezzi den mit barocker Leichtigkeit musizierenden Barocchisti lauschte, eine ähnlich intime Stimmung wie bei der Schubertiade Mitte August im Salzburger Mozarteum bewirken sollte, wollte dies nicht so recht gelingen. Klar, gab es am Ende Standing Ovations, wie fast immer in Luzern. Aber für Barockmusik und Bartolis Stimme bietet die Salle blanche nicht die geeignete Akustik. Wie durch einen Gaze-Vorhang klang das Orchester, und um die Bartoli bei den vielen leise Stellen zu verstehen, musste man sich sehr, sehr konzentrieren.

Lucerne Festival Piano: 22. bis 30. November - u. a. mit Pierre-Laurent Aimard, Evgeny Kissin, Maurizio Pollini oder dem Mahler Chamber Orchestra mit Leif Ove Andsnes - www.lucernefestival.ch
DVD/CD-Tipp: Agostino Steffani, Mission, mit Cecilia Bartoli und I Barocchisti, Leitung: Diego Fasolis, erschienen 2012 bei DECCA.
Bilder: Peter Fischli, Georg Anderhub/LUCERNE FESTIVAL

 

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