Die Liebesblindwütigkeit der Menschen

GRAZ / ROMEO UND JULIA

23/11/12 Kaum hat das freundliche Mädchen im roten Plissérock den Prolog gesprochen, ändert es den Gesichtsausdruck. Fast wutentbrannt rammt die junge Dame Blume um Blume in den Boden. Es sind Mohnblumen und nicht Rosen.

Von Reinhard Kriechbaum

Das Mädchen ist eher nicht Amor, sondern ein getarnter Psychopompos. Eine neugierige Beobachterin der Handlung, die dann Mercutio, Tybalt, Graf Paris und schließlich die beiden Hauptfiguren durch eine Tür ganz hinten ins Jenseits führen wird.

Aber noch leben sie, und wie! Die Engländerin Lily Sykes hat die „Romeo und Julia“-Personnage im Grazer Schauspielhaus auf Gender-Optionen und mögliche Paarbindungen abgetastet. Da mutierte Mercutio zur Frau, zur Freundin von Benvolio und Romeo. Für Henriette Blumenau, ein Temperamentsbündel, eine feine Rolle, der man alleweil die Führerin in einem flotten Dreier abnimmt. Auch nicht so ohne das Verhältnis zwischen Julia und Tybalt. Im lustvollen Frühbarock nahm man's wohl nicht so genau unter minderjährigen nahen Verwandten. Julia läuft scheint's nicht jungfräulich zu Romeo über. Schließlich hat die Regisseurin noch Pater Lorenz gesplittet. Eine Lorenzina, ebenfalls in Mönchskutte, ist seine Begleiterin und übernimmt einen Teil seines Textes. Dass die beiden Darsteller (Babett Arens und Franz Solar) in Personalunion Julias Eltern spielen, ironisiert Schein und Heiligkeit gleichermaßen.

Viel alert herausgearbeitete, gut geölte Feinmechanik in den Personenbeziehungen also, lohnend zu beobachten. Lily Sikes verweist mit ihrer Lesart deutlich auf den etwa zeitgleich entstandenen „Sommernachtstraum“ (es gibt einige Anspielungen in Kostüm und Maske), auf die Liebesblindwütigkeit der Menschen. Das interessiert sie viel mehr als die Keilereien zwischen den Montagues und Capulets. Keine Schaukämpfe. Licht kurz aus, ein Schuss, und wieder ist eine(r) tot. Das will die Handlung so, die innere Dramaturgie läuft anders. Das Versöhnungs-Brimborium beider Familien am Ende ist gestrichen.

Der weiß gewandete und silberhaarige Romeo – Raphael Muff spielt ihn wortträumerisch-weltfremd wie nur – trifft da also auf eine Julia, die in Wirklichkeit so gar nicht taugt als Objekt für Liebesprojektionen: Julia Gräfner ist eine raffiniert-verquere Besetzung für diese Rolle, ein handfest-stämmiger Pubertäts-Besen. Da weiß eine nicht, wohin mit der erwachten Lebens- und Liebeslust, selbst die poetischen Anwandlungen sprudeln mit Hochdruck aus ihr heraus. Gedanken eben „zehnmal schneller als das Sonnenlicht“, wie es so schön im Text heißt. Eine Lebens(abschnitts)-Aufgabe für Eltern und Erzieher.

Wahrscheinlich braucht es für Julias Bändigung wirklich eine kleine Armee von Ammen. Acht völlig gleich hergerichtete Damen sind es hier, die fast immer als Chor reden, vor allem aber auch singend mit einer Close Harmony-Mixtur eine ganz eigene, stimmungsvolle Atmosphäre schaffen. Denn bei all ausgefeilter Personenregie ist diese Aufführung auch durchgestylt in Bild und Ton (leider nicht in Sprechtechnik, was das Hören manchmal anstrengend macht).

Bemerkenswert das Bühnenbild, mehrere perspektivisch hintereinander angeordnete Guckkastenelemente aus Lichtstäben, auf denen sich auch gut klettern lässt und die im übrigen Lichteffekte (nicht nur stroboskopischer Art) ermöglichen. Die stimmungsvolle Morgenröte über Verona ist nicht der einzige zaubrische Lichteffekt.

Sonst gibt es, außer reichlich Mohnblumen, aus denen Pater Lorenz (wohl Giftler im Nebenerwerb) dubiose Tinkturen bereitet, bloß eine Badewanne. Dort rumort Julia welcher Zukunft auch immer entgegen. Wenn Romeo zusteigt, wird es bedrohlich eng in der Wanne, weil diese Julia ihr Temperament auch da nicht zügelt. Aber es ist ja nie ganz falsch, sich um Romeo und Julia Sorgen zu machen.

Aufführungen bis 12. März – www.schauspielhaus-graz.com
Bilder: Schauspielhaus Graz / Lupi Spuma