Höllenfahrt mit Panne

REST DER WELT / WIEN / DON GIOVANNI

21/12/16 Das Theater an der Wien hat Keith Warners Erfolgsproduktion von Mozarts "Don Giovanni" aus dem Jahr 2006 wiederaufgenommen. Im Graben sitzt erstmals das Mozarteumorchester unter Ivor Bolton.

Von Oliver Schneider

Es fing damit an, dass Intendant Roland Geyer vor Beginn der dritten Vorstellung vor den Vorhang trat und Jonathan Lemalu, den Leporello-Darsteller, wegen eines grippalen Infekts ansagte. Und gerade während der Registerarie passierte das, was in der Premierenserie und in den bisherigen Wiederaufnahmen in Wien und Kopenhagen nie passiert war: Ein mit Koffern beladener Gepäckwagen – Keith Warner und das Regieteam lassen den Abend in einem Hotel spielen – rollte zum Bühnenrand und stürzt in den rechten Teil des Orchestergrabens. Der Schrecken saß tief, auch wenn zum Glück niemand verletzt worden war. Nach rund 20 Minuten war aber alles wieder hergerichtet, so dass die Aufführung ab diesem Moment bis zum Schluss reibungslos weitergehen konnte.

Abgesehen von der Panne mit dem Wagen und einer nicht mehr ganz schließenden Lifttür läuft die Inszenierung immer noch wie am Schnürchen. Im Hotel des Lebens kann Don Giovanni seiner paranoiden Eroberungssucht eigentlich auch bestens nachgehen, gibt es doch sowohl unter den Gästen als auch beim Personal ausreichend weibliche Schönheiten. Dabei legt Warner in seiner Deutung den Schwerpunkt vor allem auf das „giocoso“, weniger auf das „Dramma“ im Werk. Vor allem seiner Charakterisierung der Titelrolle geht dadurch vieles verloren, was man sonst mit der Figur ihm verbindet: Er ist weder ein echter Lebemann, geschweige denn ein Erotomane noch ein Zyniker oder Verzweifelter. Er wirkt wie das Rädchen in einem Uhrwerk, das zu einem unterhaltsamen Abend beiträgt.

Leporello ist der fast schon Marthaler-mässige Concierge des eleganten Hotels (Ausstattung: Es Devlin). Lemalu spielt ihn grandios. Dass er wegen seiner Verkühlung in der dritten Vorstellung nur mit reduzierter Stimme sang, war nur am Anfang hörbar. Aber wenn man bedenkt, wenn man schon alles in der Partie gehört hat. Noch stärker fällt das bei Nathan Gunns Don Giovanni in Gewicht, dessen Stimme zu wenig kernig, zu neutral klingt.

Jennifer Larmore gibt eine überdrehte, hysterische Donna Elvira. Diese Partie kommt allerdings für sie stimmlich zu spät. Mehr Freude bereitet die Donna Anna von Jane Archibald, die zumindest in der Mittellage mit warmer und sensibler Tongebung aufwarten kann. In der Höhe neigt sie hingegen zu Schärfen. Ihr zu Seite steht der Waschlappen Ottavio, den Warner zudem noch zum Priester gemacht hat. Für Martin Mitterrutzner war es ebenfalls krankheitsbedingt die verspätete Premiere; in den ersten beiden Vorstellungen war Saimir Pirgu eingesprungen. Da sich das Leitungsteam für das Spielen der Wiener Fassung ohne Schlusssextett entschieden hat, darf Mitterrutzner nur seine Arie im ersten Akt singen, was er achtbar und mit leicht gaumigem Timbre macht.

Nachdem die Friedhofsszene im Hotelkeller zwischen Kisten und abgestellten Möbeln um ihre Wirkung gebracht wird, räumt Warner der Dramatik und menschlichen Tragik erst in der Schlussszene Raum ein, in der der stimmgewaltige Komtur von Lars Woldt aus dem Boden hochfährt und den mittlerweile gealterten Giovanni in die Hölle führt.

Zerlina und Masetto führen das Heer der Zimmermädchen und Pagen im Hotel an und tragen zum Spielfluss des Abends viel bei. Auch musikalisch ragen die ganz und gar nicht unschuldige Mari Eriksmoen als Zerlina und der (auch bei Warner) als Einfaltspinsel gezeichnete Tareq Nazmi als Masetto aus dem insgesamt doch nur mittelmäßigen Ensemble heraus. Da hat das Theater an der Wien schon Besseres geboten.

Umso mehr kann das Mozarteumorchester unter seinem ehemaligen Chef brillieren. Hinter den diversen Originalklang-Ensembles, die regelmäßig im Theater an der Wien zu Gast sind, brauchen sich die Salzburger nicht verstecken. Bolton lässt die die Musikerinnen und Musiker mit hellem, unpathetischem Ton bei flüssigen bis sehr flüssigen Tempi musizieren. Dass Boltons innere Glut für Mozart auf das Orchester überspringen muss, ist klar, denn dafür stand er ihm lange genug als Chef voran und hat es national und international zu einem ernstzunehmenden Klangkörper gemacht. Am Schluss des unfreiwillig verlängerten Abends gab es abgestuften Applaus und Jubel für alle Beteiligten.

Weitere Vorstellungen am 21., 28. und 31. Dezember (am 28. und 31. mit Erwin Schrott in der Titelpartie) - www.theater-wien.at
Bilder: Theater an der Wien / Werner Kmetitsch