Ein Fest der Stimmen an der Staatsoper

REST DER WELT / WIEN / IL TROVATORE

08/02/17 Nach 16 Jahren ist Verdis „Il trovatore“ in einer Starbesetzung um Anna Netrebko ins Haus am Ring zurückgekehrt. Das Premierenpublikum jubelte mit Recht.

Von Andreas Wegelin

Eine „trovatore“-Inszenierung stellt den Regisseur vor die kaum lösbare Aufgabe, für eine Reihe in sich geschlossener Bilder um eine Liebes-, Hass- und Rachehandlung eine glaubwürdige, einigermaßen logische Umsetzung zu finden. Die für das Verständnis wichtige Vorgeschichte und die das Bühnengeschehen bestimmenden Ereignisse werden von den Protagonisten in Tableaus geschildert. Verdi komponiert zu den Gefühlen und Stimmungen der Personen eine geniale Musik, welche seit der Uraufführung das Publikum in Bann zieht. Wie schwierig der szenische Umgang mit dem Werk ist, war zuletzt in München und natürlich in den Sommern 2014 und 2015 in Salzburg zu erleben, wo Alvis Hermannis den Abend in eine Gemäldegalerie verlegt und vornehmlich für ein pittoreske Bebilderung gesorgt hatte.

Dominique Meyer hat mit der Wahl von Daniele Abbado, dem Sohn des verstorbenen Dirigenten Claudio Abbado, als Regisseur für den Abend ein glücklicheres Händchen bewiesen als bei anderen Neuinszenierungen in den letzten Jahren. Abbado hat die zeitlos gültigen Geschehnisse in die Epoche des Spanischen Bürgerkriegs im letzten Jahrhundert verlegt. Das gibt ihm die Möglichkeit, die Feindschaft und Rivalität zwischen den beiden Brüdern Luna und Manrico glaubhaft zu vermitteln. Manrico kämpft auf der Seite der freiwilligen Milizen, Luna führt die Truppe der Nationalisten an. Um den religiösen Hintergrund einfließen zu lassen, zitiert Abbado die andalusische Tradition des Madonnen-Raubes. Alle sieben Jahre wird die wundertätige Marienstatute vom Altar einer kleinen Dorfkirche von einer gewaltigen Menschenmenge kurzzeitig entwendet und in einer 24-stündigen Prozession in einen anderen Ort in der Umgebung gebracht.

Der Abend spielt in einem Einheitsraum, der sich mal in eine Hotelhalle, Kirche, in ein Gefängnis oder Straße verwandelt (Graziano Gregori). Akustisch und für die Textverständlichkeit ist der Raum wegen eines Tonnengewölbes und fester Rückwand eine ideale Lösung Abbado lässt den Protagonisten genug Freiraum für ein schlüssiges Spiel. Und diesen Freiraum nutzten alle Protagonisten auf hervorragende Weise.

Anna Netrebkos Leonora ist seit der der Salzburger Festspielproduktion und Auftritten an der New Yorker Met weiter gereift. Aktuell kann ihr wohl keine Fachkollegin stimmlich das Wasser reichen. Ob mit ihrer voluminösen Mittellage, mit leuchtkräftiger Höhe oder berührenden Piani, die Netrebko bringt alles mit, was für diese Partie nötig ist. Und mit ihrer Bühnenpräsenz gelingt ihr ein eindringliches Porträt der unglücklich Liebenden. Besonders in Erinnerung ist ihre von Interpretation von „D’amor sull ali rosee“ im dritten Akt. Leonoras Verzweiflung ist dezent bebildert durch die Witwen einiger Partisanen, welche an den Leichen ihrer Ehemänner trauern. Den von ihr geliebten Manrico gestaltet Roberto Alagna intensiv wie eh und je. Sein farbenreicher Tenor strömt freilich nicht mehr so frei und wird an vielen Stellen mit zu viel Druck geführt. Dass die Partie auch viele Piano-Stellen enthält, geht bei dem französischen Tenor mit italienischen Wurzeln leider unter. Alagna singt die berüchtigte Stretta „Di quella pira“ auf dem Ton, aber mit inflexibler Höhe.

Ludovic Tézier punktet als Luna mit seinem kraftvollen und klangschönen Bariton. Seine Arie „Il balen del suo sorriso“ im wird zu einem heftig akklamierten Höhepunkt des Abends. Luciana D’Intino überzeugt von Anfang an als von der Rache getriebene Azucena mit glutvoller und wandlungsfähiger tiefer Stimme.

Der in diesem Monat im Haus am Ring vielbeschäftigte Marco Armiliato ist ein erfahrener Trovatore-Dirigent und damit den Protagonisten ein kongenialer Begleiter. Er dirigiert das Werk erstmals in Wien. Das mit Verve folgende Staatsopernorchester führt er mit gutem rhythmischem Gespür und dem nötigen Brio, lässt aber auch die leiseren und zumal instrumental interessanten Momente überzeugend erklingen,. In diese musikalisch mustergültige Aufführung fügt sich auch der klangstarke, von Thomas Lang vorbereitete Staatsopernchor nahtlos ein.

Nächste Vorstellungen am 9., 12., 15. und 28. Februar (alle ausverkauft) – www.wiener-staatsoper.at
Bilder: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn