Ansitzen gegen die Schwerkraft

REST DER WELT / GRAZ / BACCHAE

09/10/17 Einmal fällt sogar ein ganzer Satz auf Deutsch: „Wohl hat Gott den Menschen erschaffen, auf dass er Trompete spiele.“ Wohl, wohl, das könnte man beinahe so glauben. In der Gruppe von Marlene Monteiro Freitas sind nämlich auch fünf Trompeter, und die spielen nun wirklich so göttlich frivol, als seien sie Ursache und Ziel der Schöpfung zugleich. Und Selbstzweck.

Von Reinhard Kriechbaum

Aber sie sind nur Teil in diesem performativen Orchester. Die anderen acht halten gar nicht zimperlich dagegen, und sei's mit Gartenschläuchen. Ein Trichter auf der einen Seite, ein Trompetenmundstück auf der anderen. Das kann ein Blasinstrument sein, ein Gymnastikgerät, ein Modeaccessoir oder, das größere Stück ans Herz und das kleinere an ein Mikrophon gehalten, ein Stethoskop. Eines, das uns das Pulsieren hören und fühlen lässt in diesen dreizehn Menschen. Sie haben karibische Rhythmen im Blut und (möglicherweise) Euripides im Kopf. Für ,„Bacchae – Prelude to a Purge“ holen sie mächtig aus beim „steirischen herbst“ in Graz.

Aber bevor wir von Euripides reden oder davon, dass in der Lesart der Marlene Monteiro Freitas von dessen Bakchen ohnedies rein gar nichts übrig bleibt, nicht mal in Spurenelementen, müssen wir von Notenständern berichten. In der Dingwelt scheint Gott diese nämlich geschaffen zu haben als Allzweck-Surrogat, als allzeit dienstbare Geister für jede Art von Betätigung und subversivem Tun. Nicht von stabilen Holzpulten reden wir, sondern von diesen zusammenlegbaren sperrigen Metalldingern, an denen weniger Begabte zerren und herumschieben und sich die Finger einzwängen. Was kann man im Verlauf von zweieinviertel Stunden nicht alles anstellen damit! Sie stolz als Zepter vor sich hertragen oder es als angedeutete Phallen mit ihnen treiben. In entsprechende Form gebracht sind sie Regenschirme, Schutzschilder, Hieb-, Stich- und Schusswaffen, Staubauger und andere Kehrgeräte. Musikalisches Schlagwerk sowieso und sogar imaginierte Schreibmaschinen.

So wie in „Bacchae – Prelude to a Purge“ ein jeder und eine jede in der Kompagnie beständig individuell ausbricht aus den kollektiven Tätigkeiten, scheinen auch die Notenständer ein sinnliches, ein übersinnliches Eigenleben zu führen. Als ernsthaft eigenwillige Mit- und Gegenspieler bestimmen sie nicht zuletzt das Bühnenbild, müssen höchstens noch mit einigen Mikrophonständern konkurrieren. Auf der niedrigen, stark querformatigen Spielfläche zeichnen sie sich sperrig ab vor dem leuchtend weißen Hintergrund, stehen da wie Stelen, wie magersüchtige Säulen griechischer Tempel.

Im dickleibigen Buch mit Hintergrundgeschichten zum „steirischen herbst“ in Graz steht eine nette Geschichte. Marlene Monteiro Freitas sei zwecks Euripides-Einstimmung nach Griechenland gereist und mit der Erkenntnis heimgekehrt, dass die Menschen dort am liebsten herumsitzen. Und so hat sie ihre Tänzer/Performer auf Hocker mit ganz dünnen Metallbeinen gebannt. Weite Strecken dieses Bacchanals passieren also im Sitzen. Trotzdem bricht sich sagenhafte Bewegungsenergie Bahn.

Temperamentvoll-athletisches Ansitzen gegen die Schwerkraft, die in dieser Bakchen-Paraphrase vielleicht für die alte Weltordnung steht, für das männliche Establishment. Gegen dieses ziehen (bei Euripides) die Frauen als Anhängerinnen des Dionysos los. Das Narrative ist aber weder Sache noch Ziel der Performerin von den Kap Verdischen Inseln. Und mit Gender-Festschreibungen hält sie es schon gar nicht. So bleibt Marlene Monteiro Freitas, die mit insulanisch-exotischem Lebensgefühl dem alten Europa keine Spiegel, sondern eher (Über)Lebensmodelle vorhält, natürlich nicht bei Euripides hängen. Wenn es eine Geschichte hinter der Erzählung von der Zügellosigkeit gibt, dann jene, wohin das Entgrenzen, das Hinter-sich-Lassen von Schranken und Einengungen führen könnte.

Macht ein Bacchanal wirklich frei? Kann es ein „Prelude to a Purge“ sein, wie es dieses Schau-, Hör- und Sinnspiel im Titel ankündigt – also das Vorspiel zu einem Befreiungsschlag, einer Seelenreinigung? Marlene Monteiro Freitas führt erst zurück aufs Ursprüngliche, Archaische. Eine Geburtsszene aus einem japanischen Experimentalfilm der 1970er Jahre ist ein Ruhepol in der Turbulenz. Musikspuren führen aus der Welt der Barockoper zu Debussy (Prélude à l'après-midi d'un faune) und zum Concierto de Aranjuez.

Fürs Finale hat die Performerin Ravels Bolero in voller Länge ausgebreitet. Die pure Zügellosigkeit findet sich wieder im Regulativ eines einzigen Rhythmus und einer stereotypen Melodie. Was für ein Widerspruch! Vom befreienden Bacchanal bleiben Relikte wie Zwangshandlungen. Wie traurig schauen die beidem Männer mit ihren Clown-Mündern, von denen der eine mit dem Mut der Verzweiflung den Bolero-Rhythmus aus dem Holzblock schlägt und der andere mit seinen Kastagnetten, dem Musiksymbol des Befreienden schlechthin, am Musik-Stereotyp scheitert.

Die Hör-Bilder der Frau Freitas sind keine Schulbuch-Illustrationen. Die Schlüsse muss schon jeder im Publikum selbst und für sich ziehen. Eben das ist das An- und Aufregende an diesem performativen Theater, das im Grazer Schauspielhaus geradezu enthusiastisch aufgenommen wurde.

Der „steirische herbst“ dauert noch bis 15. November – www.steirischerherbst.at
Bilder: steirischer herbst / Filipe Ferreira