Opfer oder Täterin?

REST DER WELT / WIEN / LULU

11/12/17 Siebzehn Jahre hat sie bereits auf dem Buckel: Willy Deckers Inszenierung von Alban Bergs „Lulu“. In der Direktion Holender hatte man das Werk um die männermordende Femme fatale in der zweiaktigen Fassung gezeigt. Willy Decker hat seine in einer stilisierten Zirkusarena spielende Produktion um den dritten, von Friedrich Cerha komplettierten Akt ergänzt, so dass nun die ganze Tragik der Lulu und der ihr verfallenen Männer zu erleben ist.

Von Oliver Schneider

Wollüstig stieren schwarz gekleidete Herren von den Rängen über der Manege auf die mit gespreizten Beinen auf einer Leiter sitzende Lulu, während der Tierbändiger sein „Hereinspaziert in die Manege“ ausruft. „Hereinspaziert“ ist hier die Einladung an die Männer, sich Lulu zu stellen. Einige wagen es – und büßen mit dem Tod dafür. Lulus erster Ehemann, der Medizinalrat, stirbt sogar auf der Tribüne, als er mitansehen muss, wie seine zierlich und zurückhaltend scheinende Frau ihn mit dem Maler (Jörg Schneider mit schön geführter Stimme) betrügt.

Zwischen Lulu und ihren Männern besteht eine zwanghafte Wechselbeziehung: Sie wäre nicht das eiskalt agierende Wesen geworden ohne die ihr reihenweise verfallenen Männer. Von denen zumindest Dr. Schön und sein Sohn Alwa ihr zunächst mit betonter Männlichkeit entgegentreten.

Decker und sein Ausstatter Wolfgang Gussmann haben eine zeitlose Inszenierung geschaffen, die in ihrer Ausstattung übrigens ein Stück weit an die fünf Jahre später in Salzburg entstandene „La traviata“ erinnert. Ein nüchterner Bühnenraum, mit wenigen, die Handlungsorte charakterisierenden Versatzstücken auf der Bühne und vor allem einer totalen Fokussierung auf die Protagonisten. Ein knallrotes Sofa im Lippenformat in der Wohnung von Lulu und des Malers drückt aus, worum es den Männern bei Lulu geht: um die sexuelle Begierde.

Decker ist es gelungen, mit seinen Bildern für den dritten Akt nahtlos an die ersten beiden anzudocken. Ausgelassen feiert eine Faschingsgesellschaft sich selbst und den vermeintlich guten Kauf von – wertlosen – Jungfrau-Aktien. Blasen an der Börse und in der Wirtschaft sind so zeitlos wie diese Inszenierung. Während die Gesellschaft erst jetzt ihrem Untergang entgegentaumelt, hat Lulus Abstieg schon nach der ersten Szene des zweiten Akts begonnen. Nachdem sie den ihr schlussendlich auch verfallenen Dr. Schön in Notwehr erschossen hat. Im London-Bild, in dem Lulu von ihren letzten Geliebten Alwa, der lesbischen Gräfin Geschwitz und ihrem Vater Schigolch zur Strassenprostitution gezwungen wird, bringen Leitern die Männer zu Lulu in die armselige Mansarde nach unten in die Manege. Diese Männer brechen die Macht einer Lulu. Und es ist Jack the Ripper (gleich Dr. Schön), der ihrem Leben schließlich ein Ende setzt.

Zum echten Premierenfeeling verhilft die musikalische Seite der „Neu“-Produktion. Mit Agneta Eichenholz steht eine international gefeierte Sängerin für die eiskalte Lulu zur Verfügung, die die Finessen der fordernden Zwölfton-Koloraturpartie mühelos auslotet. Bo Skovhus, der erst kürzlich wieder als Wozzeck in Düsseldorf einen großen Erfolg feierte, ist nur scheinbar der bestimmt Auftretende. Der Sänger ist blendend bei Stimme. Herbert Lippert überzeugt als Alwa mit seinem immer noch schlanken und mit reichem Farbenspektrum ausgestatteten Tenor. Franz Grundheber gibt eigentlich den dubiosen Schigolch, wurde aber in der besuchten Vorstellung krankheitsbedingt und kurzfristig durch Wolfgang Bankl ersetzt. Naturgemäss wirkte Bankl deshalb etwas distanziert. Problemlos war das Einspringen hingegen für den Hausdebütanten Almas Svilpa in der Doppelrolle als Tierbändiger und Athlet. Angela Denoke gibt eine herausragende Gräfin Geschwitz von großem stimmlichem und darstellerischem Format.

Ingo Metzmacher und das ausgezeichnet vorbereitete Staatsopernorchester bereiten den Protagonisten ein perfektes Klangfundament, das trotz klanglicher Dichte und opulenter Breite vor allem in den Zwischenspielen ein locker aufgefächertes Klangbild bietet. Ein Klangbild, das die Verbindung der zur Entstehungszeit neuen Zwölftontechnik mit der spätromantischen Tradition stark betont. Viel Applaus, auch wenn sich einige Reihen nach der zweiten Pause stark gelichtet hatten.

Weitere Vorstellungen am 12. und 15. Dezember – www.wiener-staatsoper.at
Bilder: Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn