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Leser und Hüter von Büchern und Enkeln

REST DER WELT / WIENER FESTWOCHEN / MELANCOLIA Y MANIFESTACIONES

15/05/12 Die wackeren Oldies waren, wenn’s wahr ist, aus anderem Schrot und Korn: So jedenfalls die Selbsteinschätzung angesichts einer doch deutlich leiseren jüngeren und gar jungen Generation. Die Argentinierin Lola Arias blickt auf ihre Mutter und andere aus der Eltern- und Großelterngeneration.

Von Reinhard Kriechbaum

Die wahren Kerle also, das waren die Alten. Politisch engagiert gingen sie auf die Straße, wenn's sein musste. Die Südamerikanerin Lola Arias hat genauer hingeschaut – und als erstes ausgerechnet eine Trantüte entdeckt. Die ältere Dame, ihre Mutter, ist wirklich krank, ertränkt von der sprichwörtlichen schwarzen Galle, der Melancholie. Wann deren Pegelstand gestiegen ist? 1976, nach dem Militärputsch in Argentinien.

Wir lernen die Dame als Bewohnerin einer kleinen Guckkastenbühne mit Jalousie vorne kennen. Manchmal wird von seitwärts hinein gefilmt und wir sehen das Gesicht der Frau als Projektion auf den Lamellen. Die werden dann geöffnet, und in kleinen Spielszenen entsteht ein kaleidoskopartiges Bild des moll-trüben Lebens einer im Kopf linksdrehenden Literaturprofessorin. Politisch hat sie sich nicht exponiert, sondern eben emotional ausgeklinkt.

Die Tochter ist gleich Regisseurin ist gleich Sprecherin. Sie steht links vor dem Bühnenkästchen an einem Mikro und erinnert sich an eine Frau, die lieber im Bett geblieben ist, die in ihrem Leben viele Psychiater und Therapeuten verschlissen hat, oft über Selbstmord nachdachte. Wir sehen die Mutter beim Seniorensingen und Seniorentanzen - all das soll sie wohl auf bessere Gedanken bringen.

Ach ja, muntere Phasen hat sie schon auch gehabt, die Frau Mama. Dann hat sie Dinge hinausposaunt "wie Zeitungsmeldungen in einem Land ohne Zensur". Und die Kleptomanie scheint eine persönliche Schwäche gewesen zu sein. "Ein Robin Hood des Shopping Centers", sagt die Tochter, die zuletzt übrigens die Kleider der Mutter anzieht und sinniert, ob die Depression, womöglich vererbt, auch sie erfassen könnte. Da sitzt die Mama im Schlafrock wie üblich ernst dreinblickend dar, und die Szene ist eine Paraphrase auf die Radierung "Melancholie" von Dürer.

Die Stärke südamerikanischen Autorenkinos ist die genaue Menschenbeobachtung und das unprätentiöse, latent ironische Erzählen von all den größeren Dramen und kleineren Schrullen. Dass Lola Arias’ Figuren so gar keine eigene Perspektive entwickeln, lässt "Melancolía y manifestaciones" etwas biedermeierlich wirken.

Die vier weiteren alten Leutlein auf der Bühne, die Frau Arias senior im ersten Teil Requisiten und die Jalousien zugereicht haben, melden sich spät erst zu Wort. Da werden nach der "Melancolia" in einem temperamentvollen Abgesang die "Manifestaciones" im Stücktitel eingelöst. Eine Senioren-Demonstration habe sie in Buenos Aires zufällig erlebt, schreibt Lola Arias dazu. Die Über-Siebzigjährigen forderten höhere Pensionen.

Da hakt Lola Arias ein, aber dieses Grüppchen will viel mehr als deutlich mehr Geld. "Wir haben es satt, Statisten zu sein", auch wenn die vier geeichten Protestierer einräumen, dass ein Blick in die Statistiken sie lehre, "dass wir jenseitig sind". Sie heischen nach Selbstbestimmung und Zutrauen in die eigenen Kräfte und Erfahrungen.

Auch da fehlt es nicht an sympathiesteigernder Selbstironie, und man hält diesen Alten die Daumen, dass es ihnen gelingen möge, mehr zu sein als "Leser und Hüter von Büchern und Kindern". Am Ende ziehen sie sich aus, und wenn sie so in Negligé und Unterhosen dastehen, relativiert sich aller Jugendwahn: So schön können echte alte Körper sein, die nicht weniger zu erzählen wissen als ihre Bewohner.

In der Südamerika-Reihe „Mí vida después“ (Mein Leben danach) der Wiener Festwochen folgen Gastspiele des Chilenen Guillermo Caderón („Villa + Discurso“), des mexikanischen Kollektivs Lagartijas tiradas al sol („El rumor delincendio“) und der kolumbianischen Gruppe La maldita vanidad um den Regisseur Jorge Hugo Marín, für dessen Familien-Trilogie „Sobre algunos asuntos de familia“ man vier Stunden und vierzig Minuten einkalkulieren sollte. – www.festwochen.at
Bilder: Wiener Festwochen / Nurith Wagner-Strauss

 

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