Gefangen in der Geisterbahn

REST DER WELT / WIEN / FIDELIO

20/06/16 Mit einem leider nicht ganz geglückten „Fidelio“ beendet Markus Hinterhäuser seine Intendanz bei den Wiener Festwochen nach drei Jahren. Die Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski und der Arnold Schoenberg Chor polieren den Abend zum Glück auf.

Von Oliver Schneider

Die Umstände waren zugegebenermaßen unglücklich. Spät haben sich die Festwochen vom ursprünglich vorgesehenen Regisseur und Bühnenbildner Dimitri Tcherniakov getrennt, der in der Intendanz von Hinterhäuser mit seinem Wiener Debüt einen spannenden Schlusspunkt hätte setzen sollen. Eingesprungen ist Achim Freyer, der zuletzt vor wenigen Monaten mit Debussys „Pelléas et Mélisande“ in Linz reüssierte. Mit „seinem“ Fidelio, der gemeinsam mit der Opéra National de Bordeaux, Marc Minkowskis neuer Wirkungsstätte ab Herbst diesen Jahres, und den Théâtres de la Ville de Luxembourg koproduziert worden ist, ist das leider nicht gelungen.

Die Bühne wird von einem riesigen Gerüst beherrscht, von dem allerorten immer wieder Gefangene herunterbaumeln, wie auf der Geisterbahn. Die Protagonisten sind ebenfalls wie Figuren auf der Bahn an sich drehenden Wänden befestigt, was ihre Auf- und Abgänge verkürzt: Die Wände werden einfach gedreht. Mal leuchtet ein Teil des Gerüsts in roter Farbe, mal in grüner, blauer oder violetter. Dazu gibt es Videoeinspielungen (Jakob Klaffs, Hugo Reis) auf den Gazevorhang vor dem Gerüst. Agieren können die Figuren natürlich so nicht, sie beschränken sich aufs Rampensingen und -stehen, wenigstens mit sehr stark von Freyer gekürzten Texten, was einer der weniger Pluspunkte des Abends ist.

Florestan, an beiden Armen angekettet vor dem Gerüst, ist von Anfang an auf der Bühne, und die Gefangenen kriechen zu ihrem „O welche Lust“ auf allen Vieren an den Bühnenrand, wozu der Zuschauerraum in dämmriges Licht getaucht wird und die Ränge des Theaters an der Wien auf den Gazevorhang projiziert werden. Kennt man schon, wenn vielleicht auch nicht aus Fidelio. Genauso kennt man, dass bei Freyer die Protagonisten Masken tragen und auch sonst überzeichnet sind. Marzellines Busen erinnern zum Beispiel an die drei Damen der Königin der Nacht der legendären Freyer-Zauberflöte in der Ära Mortier, Rocco an Sarastro. Ärgerlich an den Masken ist auch, dass sie die Textverständlichkeit behindern (Marzelline!). Zum Glück nehmen die Sängerinnen und Sänger sie zum Teil auch ab.

Die Musiciens du Louvre verlebendigen Beethovens Musik, wie gewohnt, mit innerer Glut und angetrieben von ihrem vitalen Spiritus Rector Minkowski. Rasant geht es durch die Ouvertüre, auf die seit Gustav Mahler meist übliche Leonore III-Ouvertüre vor dem Schlussbild wird – leider – verzichtet, dem klangmalerischen Holz räumt Minkowski viel Raum ein. Zumindest im ersten Akt hapert es in der besuchten dritten Vorstellung an der Koordination zwischen Bühne und Graben, und ein bisschen mehr Rücksicht hätten die Sängerinnen und Sänger auch in Bezug auf die Lautstärke verdient.

Würde man diese Produktion in einem größeren Stadt- oder Landestheater sehen, wäre man mit dem Cast wahrscheinlich recht zufrieden. Aber für eine Festwochenproduktion ist Christiane Libor mit ihren unangenehmen Schärfen in der Höhe wohl nicht die richtige Besetzung. Michael König schlägt sich zwar als Florestan mit metallischem Timbre ohne Fehl und Tadel, aber wenn man bedenkt, wie andere Fachkollegen quasi aus dem Nichts das „Gott! Welch Dunkel hier!“ am Anfang der Kerkerszene intonieren, muss man auch hier Abstriche machen. König setzt so kräftig ein, dass man gar nicht das Gefühl hat, hier befinde sich ein von der Haft Zermürbter in einem dunklen Verlies.

Jewgeni Nikitin fehlt für den Pizarro die nötige Schwärze, Franz Hawlata ist ein ordentlicher, braver Rocco, lässt aber das Mitläuferische im verbrecherischen System von Don Pizarro vermissen. Staatsopern-Ensemblemitglied Ileana Tonca gibt seine Tochter Marzelline, Julien Behr den stotternden Jaquino – warum muss man ihn bloß so lächerlich machen? Georg Nigl ist schließlich der Minister, der passend als Deus ex Machina über allen anderen im Gerüst steht. Wären nicht die Musiciens du Louvre und der Arnold Schoenberg Chor (Einstudierung: Jordi Casals, Ottokar Prochazka) gewesen, man wäre ziemlich enttäuscht nach Hause gegangen. Der Mehrheit des Publikums hat es allerdings, dem Jubel nach zu schließen, gut gefallen.

Letzte Vorstellung in Wien heute Montag (20.6.) - Karten www.festwochen.at
Bilder: Wiener Festwochen / Monika Rittershaus