Ein Mann von auffallendem Format Drucken E-Mail

FESTSPIELE / FALSTAFF

30/07/13 Draußen tobt der Verkehr. Drinnen lümmelt der alte Sänger auf dem Sofa im Salon und träumt an der Grenze von Wachen und Schlafen seinen vergangenen Falstaff-Traum. Regisseur Damiano Michieletto verlegt seine Falstaff-Neuinszenierung in die „Casa Verdi“: ein Altenheim für Musiker, wie Giuseppe Verdi selber es 1896 in Mailand gegründet hat.

Von Heidemarie Klabacher

419Ältere Herrschaften in Fauteuils oder Rollstühlen. Der Falstaff-Klavierauszug liegt auf dem Flügel, der Herr an den Tasten spielt Chopin. In der gediegenen Atmosphäre der „Casa Verdi“ wartet alles aufs Nachtmahl. Tische werden gedeckt. Eine Pflegeschwester hilft den betagten Gästen. Langsam verschwinden alle in den Hintergrund durch die Flügeltüren in den Speisesaal. Der alte Schläfer auf dem Sofa bleibt allein im Salon zurück.

Aus dem Boden heben sich Figuren im Gewand vergangener Zeiten. Ein Tusch. Der Schläfer springt auf – und kopfüber hinein in die Handlung der Oper.

Behutsam und liebevoll hat Regisseur Damiano Michieletto sein szenisches und zugleich psychologisches Setting entwickelt: Die turbulente Oper und der geruhsame Alltag der Seniorenresidenz nehmen von nun an konsequent gemeinsam ihren Lauf - keineswegs nur als Parallelwelten, sondern quasi als immer wieder ineinander greifende Spiralnebel, deren Grenzen verschwimmen.

420So ist es allein vom Regie- und vom Ausstattungskonzept her ausgeschlossen, dass dieser „Falstaff“ zum Klamauk verkommt. Dass für den Komponisten Giuseppe Verdi und seinen Librettisten Arrigo Boito der alte Ritter - Sir John Falstaff – weit mehr ist, als nur ein lüsterner fetter alter Krauterer, wird in der Regie von Damiano Michieletto und in der Ausstattung von Paolo Fantin mit ebenso ironischem wie wehmütigem Understatement herausgearbeitet.

Die Damen Alice Ford und Meg Page sind keineswegs nur abgestoßen von Falstaffs Avancen (die ohnehin mehr ihrem oder ihrer Ehemänner Geld gelten als ihnen persönlich). Dass sie keineswegs nur Spott und Hohn ausgießen über den „Mann von auffallendem Format“, macht allein schon Verdis wundersame Melodie deutlich, wenn sie aus Falstaff doppelten Liebesbrief zitieren: ihr Gesicht werde über ihm erstrahlen „wie ein Stern in der Unendlichkeit“. Weinen möchte man über Falstaffs reine Freude an den vier zarten Nymphen, die ihn während des „Liedes der Feenkönigin“ im Schlussbild umschweben. Berührend auch die „Doppelung“ des - ungeachtet aller Turbulenzen - turtelnden jungen Liebespaares Nanetta und Fenton durch ein altes Paar aus dem Seniorenheim: Das wird nicht sentimental zu Tode geritten. So bleiben bewegende Bilder in Erinnerung.

421Reizvolles Changieren zwischen Traum, Bühnenrealität und Wirklichkeit: Voll Stolz kramt der alte Sänger zum Rendezvous mit Mrs. Ford sein staubiges Falstaff-Kostüm hervor. In der Videoprojektion schwebt der Sänger von einst in Kostüm und Maske  über der Szene. In Echt, im Haus für Mozart, trägt Ambrogio Maestri selbiges Kostüm nur zum Schluss-Applaus... Die von Damiano Michieletto mit leichter Hand, aber bis ins Detail ausgearbeitete Personenführung und die konsequente „Einheit des Ortes“ machen diesen Falstaff  zum psychologischen Kammerspiel: Der Jubel für das Leitungs-Team nach der Premiere am Montag (29.7.) im Haus für Mozart war spontan und laut.

423Laut waren auch die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Zubin Mehta. Da stiegen wohl goldsamtiger Streicherklang und bestechend schöne Bläsersoli aus dem Orchestergraben auf. Auch vorwärts drängender Drive und mitreißender Sog waren spürbar. Was Zubin Mehtas Wiedergabe aber völlig vermissen ließ, war kammermusikalische Transparenz. So blieben die Originalität und Raffinesse von Verdis letzter Oper über große Strecken fest zugedeckt mit dick aufgetragenem philharmonischem Wohlklang. Dabei wäre Daniele Gatti in Salzburg, aber dirigiert ja schon die Meistersinger…

Der eher massiven „Assistenz“ aus dem Orchestergraben mag es zu danken sein, dass vor allem die Sängerinnen des handverlesenen Ensembles sich oft mit unnötiger Kraft gegen die Wogen zu stemmen schienen.

Umso bewundernswerter also die sängerische Gesamtleistung! Fiorenza Cedolins als Mrs. Alice Ford, Massimo Cavalletti als Ford, Eleonora Buratto als engelsgleich singende Nannetta, Elisabeth Kulman als fädenziehende Mrs. Quickly, Stephanie Houtzeel als Mrs. Meg Page, Javier Camarena in seiner Paraderolle als junger Liebhaber Fenton, Luca Casalin als Doktor Cajus, Gianluca Sorrentino und Davide Fersini als Falstaffs diebische Diener Bardolfo und Pistola - und natürlich allen voran Ambrogio Maestri, international wohl der Falstaff-Darsteller dieser Tage: Allesamt sind sie gleichermaßen Schauspieler und Sänger von Rang, wortdeutlich in der Deklamation, souverän in der Gesangstechnik.

422So konnten diese Sängerinnen und Sänger klanglich musikalisch tatsächlich miteinander zum Ensemble verschmelzen: unabdingbare Voraussetzung für den durchkomponierten und kompositorisch so vielschichtigen „Falstaff“. Das herausragendste Beispiel: Am Ende des zweiten Aktes herrscht ja totales Chaos. Der eifersüchtige Ford und seine Mannen durchsuchen im Jagdfieber das Haus nach dem fetten Verführer. Die Damen, die beinahe in ihre eigene Falstaff-Falle getappt sind, demonstrieren Gleichmut und schmieden den Rettungsplan, der den armen Sir John mittels Wäschekorb in die Themse befördern wird. Und wie immer, turtelt auch in dieser unpassenden Situation das junge Liebespaar: All diesen Gruppen und ihren Stimmungen hat Verdi je eigene raffinierte kompositorische Strukturen verliehen. Dass man das – trotz der wenig differenzierten Orchesterbegleitung – bei der Premiere im Haus für Mozart hat heraushören können, war den virtuos deklamierenden Sängerinnen und Sängern zu verdanken.

Bilder: SFS/Silvia Lelli
 

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