Von Gottfried Franz Kasparek
07/03/10 Der hochberühmte französische Bildhauer Bernar Venet will am Ursulinenplatz einen 90 Meter hohen Dirigentenstab aus Stahl aufstellen. Die Salzburger Altstadt verdankt der Salzburg Foundation wieder einmal eine Diskussion um die moderne Kunst. Wenn es Kunst ist, was hier passiert. Der Fußgänger wandelt mitunter um die Mozart-Statue des Malerfürsten Lüpertz und hat sie so lange verteidigt, bis er draufgekommen ist, dass sie eigentlich ein Fließbandprodukt ist. Frische Farbe täte ihr wirklich gut, sonst wäre es vielleicht besser, ihr im Zwergerlgarten einen angemessenen Platz zu verschaffen. Der Fußgänger versteht den Pfarrer der Ursulinenkirche, wenn er die Statue nicht so goutiert und Bedenken gegen den gigantischen Taktstock vor seiner Kirchentür hat. Ein Taktstock, der den schrecklich konservativen Salzbürgern zeigen soll, wie der Takt geht in der aktuellen Kunst.
Der Fußgänger freut sich darauf, bald im Sonnenschein über den vom Eise befreiten Krauthügel zu spazieren und die Skulpturen von Maitre Venet zu betrachten. Er ist sich aber nicht so sicher, ob er seinen Lieblingsblick auf die nach wie vor trotz aller Attentate schöne Altstadt vom Müller Steg aus durch einen braunen Stab gestört haben will. Übrigens sind Dirigentenstäbe oder eigentlich Taktstöcke nicht aus Stahl, sondern aus Holz, Elfenbein oder Fiberglas. Aus einem Material also, welches sich leider weniger für überdimensionale Skulpturen im Freien eignet, aber viel mehr Wärme und Transparenz ausstrahlt als der kalte Stahl. So kalt hat Herbert von Karajan, dem die Hommage ja auch gelten soll, nicht einmal an seinen schlimmsten Abenden dirigiert. Aber vielleicht ist das ja eine Metapher auf die Geldgier, welche in unseren Tagen - und nicht nur in unseren - halt vor der Kunst ebenso wenig Halt macht wie vor anderen Bereichen des Lebens.
Angeblich soll der Stab nur vier Monate stehen. Diesem Versprechen der Salzburg Foundation schenkt der Fußgänger allerdings keinen Glauben, denn manch temporäre Kunst hat sich schon recht dauerhaft behauptet im öffentlichen Raum.
Man könnte es ja den Metallsesseln und dem Kiefer-Kubus nachmachen und auch den Taktstock von Ort zu Ort verschieben: Vor den Festspielhäusern, dem Landestheater oder den verschiedenen „Mozarteen“ könnte man ihn aufstellen, und auch aus dem Altstadtbild gerückt, etwa vor dem Orchesterhaus, würde er sich gut machen. Da nicht nur Karajan, sondern auch Leopold Hager und Gustav Kuhn international geschätzte und noch dazu höchst lebendige Dirigenten aus Salzburg sind, würden sich die beiden vielleicht freuen, den Stab unvermutet vor ihren Wohnungen anzutreffen.
Ob der Stab nun Kunst sein kann, wie oben angesprochen, wagt der Fußgänger nicht zu entscheiden. Wer moderne Kunst kritisch betrachtet, wird gerne ins rechte Eck verschoben. Obwohl viele Leute in anderen Ecken nur deshalb manche Dinge für Kunst erklären, weil es sich nicht gehört, dagegen zu sein, wenn man künstlerischen Kreisen angehört. Natürlich gibt es auch Kreise, wo sich das Gegenteil nicht gehört. Die Diktate der Gesellschaft und ihrer meist selbst ernannten Kunstrichter sind vielfältig. Der Fußgänger will sich nicht einkreisen lassen, aber er nimmt sich die Freiheit, am Kunstwert des stählernen Taktstocks kräftig zu zweifeln.
|