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Gefangener der Sprache

ARGE KULTUR / SELBSTBEZICHTIGUNG / ACCUSATIO ALTERIUS

18/10/19 Nicht die Welt außerhalb der Worte, sondern die Welt in den Worten selber ist es, die Peter Handke in seinen frühen Sprechstücken zeigen möchte. Seine Selbstbezichtigung macht auf verschiedenste Sprachformen und Sprechweisen aufmerksam, nicht zuletzt auf alltägliche und mediale. Das Stück Accusatio alterius von Philipp Lamprecht stellt die Frage nach dem Schuldigwerden.

Von Vera Essl

Eine konsternierte und sich selbst verzweifelt anklagende Figur bringt der Regisseur, Schauspieler und Bühnenbilder André Hinderlich auf die Bühne. Eine Figur die reumütig ihre früheren Taten verurteilt. Einstiges selbstbestimmtes und nonkonformistisches Verhalten wird im Sinne gesellschaftlicher Konventionen verdammt, Schwermut und Gram sind die Folge. Sprecher wie Publikum stellen sich die Frage, inwiefern der vorwurfsvoll-hoffnungslos geäußerte Aufschrei zutrifft: „Habe ich mich gegen die Regeln, Pläne, Ideen, Postulate, Grundsätze, Etiketten, Satzungen, allgemeinen Meinungen und Formeln der ganzen Welt vergangen?“

Der Einfluss der öffentlichen Meinungen auf die vermeintlichen Selbstbezichtigungen ist durch die teils rhythmisch, teils monoton vorgetragenen Sätze spürbar. Doch nicht die konventionellen Inhalte allein, auch alltägliche Sprechweisen, die das Denken und Handeln bestimmen, werden dem Publikum vorgeführt.

Zunächst lässt sich, einer feierlichen Liturgie ähnlich, vernehmen: „Ich habe die Freiheit unabdingbar genannt. Ich habe die Leidenschaft heiß genannt. Ich habe das Lachen befreiend genannt.“ Im Laufe des Monologs werden derart übliche Sprachbilder in immer schrilleren Tönen hervorgestoßen, die Figur erscheint als Gefangener der Sprache.

Das zweite Stück des Abends, accusatio alterius („Anklage des anderen“) von André Hinderlich und dem Musiker Philipp Lamprecht, soll zum einen als als Kommentar auf Handkes Selbstbezichtigung wahrgenommen werden, zum anderen greift es den derzeitigen Klimadiskurs auf. Die moralisierenden Anklänge irritieren weniger, als die dadaistischen, surrealistischen, rhythmischen, tonalen und humorvollen Elemente interessieren.

Sollte man mehr an einer gelungenen Inszenierung der Literatur des Nobelpreisträgers und weniger an der medialen Inszenierung der Autorperson interessiert sein, so lohnt es sich, einer der nächsten Aufführungen in der ARGEkultur beizuwohnen.

Selbstbezichtigung und accusatio alterius – zwei weitere Aufführungen in der ARGEkultru heute Freitag (18.10.) und am Samstag (19.10.) - www.argekultur.at
Bilder:ARGEkultur / Wolfgang Lienbacher

 

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