asdf
 

Tödlich ist’s, der Jungfrau zu begegnen

LANDESTHEATER / DIE JUNGFRAU VON ORLEANS

08/10/12 Es macht sich bezahlt, dass man in der Schauspielausbildung auch das Fach „Bühnenfechten“ hat. Für die Aufführung der „Jungfrau von Orleans“ hat das Landestheater-Ensemble das dort Gelernte emsig repetiert. Zielführender wäre es vielleicht gewesen, Sprechtechnik und stimmlichen Ausdruck in Sachen Schiller aufzufrischen.

Von Reinhard Kriechbaum

Premiere war zwar erst vor zwei Tagen, am Freitag (5.10.). Aber subjektiv hat man den Eindruck, die ganze Angelegenheit sei – mindestens – ein Lebensalter von uns entfernt. Und es ist ja tatsächlich so: Altmodischer kann Theater fast nicht daherkommen, auch wenn vom Bühnenbild und von der Kleidung her alles ein bisserl auf modernistisch getrimmt ist.

Was hat uns Regisseur Klaus Hemmerle mit dieser Strichfassung, die immer noch zweieinhalb Stunden dauert, eigentlich erzählen wollen? Steht irgendwas in Schillers „romantischer Tragödie“, was uns im Hier und Heute packen könnte? An dem Abend im Landestheater geht es bloß am Textgerippe entlang. Damit das nicht langweilig wird, gibt es Fechtszenen in Masse. „Tödlich ist’s, der Jungfrau zu begegnen“, sagt einer der Feinde Frankreichs, dessen Armee Jeanne d’Arc im ultra-eng geschnittenen beigen Hosenanzug, die Trikolore schwingend, voranzieht. Wenn es dann so richtig tödlich ist, kommt per Drehbühne  eine überdimensionale Glas-Auslage herbeigefahren. In diesem schmalen, unproportionierten Kobel, der aus unerfindlichen Gründen seitlich Scheinwerfer hat, wird in Zeitlupe geschlachtet. Bühnenblut rinnt in dünnen Bahnen das Plexiglas hinunter. Das schaut recht lächerlich aus.

Ausstatter Klaus Hemmerle einen gemalten Prospekt ausgedacht, der nach „Krieg der Sterne“ aussieht. Die vermeintlich sausenden Meteoriten haben aber keine weiteren Auswirkungen auf den Gang der Dinge. Vielleicht sollen sie suggerieren, dass so ein Jungfrauen-Single wie Johanna heutzutage wie ein Wesen von einem anderen Planeten anmutet.

Sparsam sind die Gewänder. Zwei fallen vor allem auf: Der Franzosenkönig Karl VII. steckt immer im Pyjama und zieht nur bei Staatsakten einen Hermelinmantel drüber. Er ist eine schwache Figur ohne Führungsqualitäten, muss sich von einem Höfling gar „Narrenkönig“ nennen lassen. Am liebsten schaukelt er, und das macht Christoph Wieschke, der ungekämmtes langes Haar tragen muss, mit der einstigen Grazie eines Hermes Phettberg. Gegenspielerin ist Königin Isabeau (Betarix Doderer), die ihre Intrigen (oder das, was nach den Strichen davon bleibt) in kreischend-hysterischem Tonfall vortragen muss. Sehr eigenartig.

Die wackere Schar um den König: Peter Marton (Graf Dunois), Florian Stohr (La Hire), Armin Jung (Du Chatel) und Christiani Wetter, die als königliche Geliebte Agnes etwas steif herum stakst. Die Feinde sind unter anderem mit Gero Nievelstein (Talbor) und Sebastian Fischer (Raimond) gut aufgestellt. Den Burgunder-Herzog Philipp spielt Marco Dott. Philipp kämpft zuerst an der Seite der Engländer, aber die Jungfrau richtet ihm die Wadel nach vorne, sodass der Knabe ideologoisch augenblicklich kippt und fortan ebenfalls die Trikolore hoch hält. Axel Meinhardt ist Jeannes Vater Thibaut, Raimond (Sebastian Fischer) der potentielle bäuerliche Ehemann. Die beiden beißen gerne in saftige Äpfel, die wohl nicht fruchtig-steirisch sind. Es muss auch in Frankreich ergiebige Kernobst-Regionen geben.

Irgendwie wirkt es so, als hätte das ganze Ensemble nicht nur Kostüme angezogen, sondern sich auch Schillers Sprache wie ungeliebte Kleider drüber gezogen. Da wird also herzhaft deklamiert, in unterschiedlichen Graden der (Un)geschicklichkeit. So gestelzt, wie das mehrenteils klingt, kommt man nicht entfernt auf die Idee, dass solches Bühnen-Werk irgendetwas mit unserer Zeit zu tun haben könnte.

Die allerärgste ist Claudia Carus in der Titelrolle. Sie hat zwar wallende blonde Haare, ist aber zu einem verkniffenen Gesichtsausdruck angehalten. Da weiß man gleich, dass man es mit einer Jungfrau in Hardcore-Ausprägung zu tun hat, auch wenn sie in der Erscheinung eher schmal wirkt. Und dann knallt sie uns ihre Stehsätze um die Ohren, als ob wir schwerhörig wären!

Zuletzt zieht sie sich in eine Nische in einer Dekorationswand zurück, und eine Stichflamme erinnert daran, dass die echte Jeanne d’Arc auf dem Scheiterhaufen endete (Schiller ließe sie eigentlich auf dem Schlachtfeld sterben). Macht nichts, es ist in dieser Version völlig einerlei, wie die Geschichte ausgeht.

„Gegen die Dummheit kämpfen die Götter selbst vergebens“ – ein geflügeltes Wort. Ja, es stammt aus diesem Stück. Das Zitat kommt ist akkurat platziert. Aber es reicht nicht aus für einen Abend.

Aufführungen bis 1. März 2013 - www.salzburger-landestheater.at
Bilder: Salzburger Landestheater / Jürgen Frahm

 

DrehPunktKultur - Die Salzburger Kulturzeitung im Internet ©2014