FESTSPIELE / LIEDERABEND GRIGORIAN / HYUNG-KI-YOO

25/08/25 Gezank in der Gesangsstunde. Pianist drangsaliert Sängerin. Im immer knapperen Outfit versucht sie, vergeblich, zu gefallen. Er bleibt eine Art diabolischer Mozart am Klavier. Asmik Grigorian und Hyung-ki Joo gaben mit östlichen Volksliedern und Nummern von Bizet oder Puccini, von Lady Gaga oder Sting einen auch sonst schrägen Liederabend.

Von Erhard Petzel

Es ward ganz dunkel am Montag (24.8.) im Großen Festspielhaus, bevor der Pianist Hyung-ki Joo mit dem Stück The Little Prince eine lyrische Eigenkomposition startete. Dann blendet der Spot auf den Balkon, von wo herab Asmik Grigorian Linien eines armenischen Volksliedes schmettert. Antwort erfolgt über eine Klaviernummer des 2012 verstorbenen Alexander Arutiunian. A Story, die – die armenische Melodik weiterführend – dem Eingangsstück nicht unähnlich ist. Über ein litauisches Volkslied finden Klavier und Stimme zusammen. Während Bachianas Brasileiras Nr. 5 wandert die Sängerin über das Parkett zur Bühne und gibt Vokalisen-Studien von Reynoldo Hahn, Maurice Ravel, Hyuing-ki Joo und Leonard Bernstein zum Besten.

Ab diesem Zeitpunkt schlägt das Konzept A Diva is Born unmissverständlich zu. Es  wird gezankt. Pianist Joo gibt den Stinkstiefel, der die arme Grigorian ständig fertig macht. Grad mosert er dagegen, dass sie ständig nur Vokalisen produziert. Tatsächlich erinnerte das Bisherige stark an Einsing-Übungen. Dennoch hatte das Publikum immer zaghaft zum Applaus angehoben, um dem ohnehin schon fest stehenden „Star“ des Abends zu huldigen.

Der Stern noch nicht ganz geboren. Dessen Geburt vollzieht sich gemächlich. Mit Honoloulou von Francis Poulenc gibt es einen rhythmisch markanten Nonsens-Text. Über Charles Ives, dessen Memories zweimal nach unten oktaviert werde, landet man endlich beim ersten Höhepunkt, wofür das schlichte schwarze Gewand der Sängerin mit einem orientalisierenden Bademantel aufgehübscht wird (Joo schillert hingegen durchgehend im seidigen Rotfrack zu gemusterten Leggins). Die neue Gewandpracht galt Puccini mit O mio babbino caro der Lauretta aus Gianni Schicci und Un bel di, vedremo der Cio-Cio-San aus Madama Butterfly. Der nervige Tastencoach kräht trotzdem dazwischen: Für „diese hässliche Stimme“ schlägt er die „hässliche Cabaletta“ der Lady Macbeth Or tutti sorgete vor. Mit Carmens Habanera kommt es dann zum Showdown des Nie-Genügens mit penetrantem Hüftschwung der Sängerin und peinlich hoch geschürzter Kleidung.

Um Feuer zu demonstrieren, vergeht sich Hyung-ki Joo an der Lennon/McCartney-Nummer Ticket to Ride. Es braucht jetzt etliche Takte Vorspiel, um die frustrierte Sängerin zu einer verbitterten Maria ohne Einsicht für I Feel Pretty zu bewegen. Der Quälgeist am Klavier versteigt sich gar zur Erkenntnis, dass ein Sänger so wenig Musiker ist wie ein Wal ein Fisch. 

Im Lederkostüm und mit Handmikro wird Grigorian durch die Gefilde von Sting, Lady Gaga und eben auch den Soundtrack von A Star Is Born gejagt – um dort endlich Bestätigung und Zuspruch zu erhalten. Endlich erfahren wir auch, warum sie den Mikroport im Gesicht hat: Das braucht sie für den Moment, wo sie sich selbst am Klavier begleitet. Zu unterschiedlich ist die Akustik zwischen Verstärkung und Operngesang. Das wird leider wieder überdeutlich bei Casta Diva aus Norma, wozu es dann auch nochmals einen edlen schwarzen Rock anzulegen galt...

Natürlich steht das Publikum zu seinem Idol Grigorian. Joo drischt eine Draufgabe auf die Tasten. Endgültig Schluss ist mit der Nummer Ich bin so unmusikalisch von Alexander Steinbrecher. Wie anfangs dem Dunkel entstiegen, versinkt das Geschehen wieder zurück ins Dunkel.

Asmik Grigorian, quasi wieder sie selbt, bedankt sich am Ende gerührt beim Publikum, das sie dermaßen unterstützt habe. Echte Rührung? Kalkül einer Diva im ironischen Spiel mit dem Selbst- bzw. Fremdbild als STAR? Was uns die Sängerin in der gemeinsamen Produktion  (aus 2024) mit dem Pianisten sagen will, ist nicht eindeutig herauszustellen. Etwas befremdlich die Rolle der Unterdrückten und Gedemütigten, die letztlich doch energisch und herausfordernd sein wird. Für einen Kabarett-Ton fehlen Eindeutigkeit in Darstellung und Haltung. Auch müsste Hyung-ki Joo dazu an seiner sprachlichen Prägnanz feilen. Jedenfalls ein Lieder- und Arienabend der sehr speziellen Art. Auch eine ungewöhnliche Begegnung mit einer prominenten Künstlerpersönlichkeit.

Bilder: SF / Marco Borrelli