IM PORTRÄT / PHILIPPE SLY
05/08/26 Der kanadische Bassbariton Philippe Sly singt die Titelrolle in der Festspiel-Produktion von Olivier Messiaens monumentaler Oper Saint François d'Assise in der Regie von Romeo Castellucci. Zweieinhalb Monate lang war er Gast im Salzburger Kapuzinerkloster.
Wie lebt und denkt jemand, der den heiligen Franziskus auf der Opernbühne verkörpern will? Der kanadische Bassbariton Philippe Sly suchte die Antwort nicht nur in Partitur und Text, sondern auch im Alltag eines Kapuzinerklosters.
Im vergangenen Jahr, so der Sänger im Rupertusblatt-Interview, sei ihm der Gedanke gekommen: „Warum suche ich mir nicht eine franziskanische Gemeinschaft, um während der Festspiele wirklich mitzuleben? Mir wurde früh klar, dass man Franziskus nicht allein intellektuell verstehen kann.“ Sein Glaube erschließe sich durch das Leben, durch die Praxis, so vermutete Philippe Sly. „Ich habe einfach im Kapuzinerkloster angerufen. Bruder Hans ging ans Telefon. Ich fragte, ob ich während der Festspiele bei den Brüdern wohnen dürfe. Er sagte schlicht: Ja. So unkompliziert war das.“
„Das Tourneeleben kann sehr unruhig sein“, plaudert der Sänger aus der Schule. „Man ist allein, sucht Ablenkung oder versucht, die Einsamkeit zu überspielen.“ Im Kloster sei alles anders. „Der gemeinsame Rhythmus, das frühe Aufstehen, die Gebetszeiten, das gemeinsame Essen – all das gibt dem Tag eine Struktur.“ Das sei anfangs ungewohnt gewesen, „heute freue ich mich darauf“. Diese Ordnung schenke eine große innere Ruhe. „Besonders berührt mich, dass ich vieles loslassen darf. Man lernt, sich einer Gemeinschaft anzuvertrauen. Diese Haltung des Loslassens ist ein wesentlicher Teil des klösterlichen Lebens.“
An den Laudes – dem Morgengebet der Mönche – teilzunehmen, ist eine Übung, die kaum von Probenzeiten durchkreuzt wird. „Sonntags gehe ich selbstverständlich zur Messe. Oft kann ich auch bei der Vesper oder der Komplet dabei sein. Außerdem lese ich täglich in der Bibel. Das ist für diese Rolle unverzichtbar.“ Messiaens Oper bestehe nämlich praktisch aus Bibelzitaten. „Messiaen kannte die Heilige Schrift unglaublich gut“, er verband Texte aus den Evangelien, den Paulusbriefen und vielen anderen Stellen zu einem großen Ganzen. „Je intensiver ich selbst die Bibel studiere, desto mehr erkenne ich, wie meisterhaft er diese Texte miteinander verknüpft hat.“
Einen Knackpunkt habe er eigentlich nicht erlebt bei seiner Annäherung an die neue Gedankenwelt, es sei ein Hineinleben nach und nach gewesen. Aber dann doch ein Schlüsselmoment: „Ich empfand die Rolle oft als große Last. Plötzlich wurde sie leicht. Mein Körper entspannte sich und ich kam in einen Zustand des Flow. Von diesem Moment an machte das Singen Freude. Ich bin überzeugt, dass Gebet, Stille und Gemeinschaft wesentlich dazu beigetragen haben.“
Die „Spätfolgen“ dieser Zeit? „Wenn man die Welt einmal mit anderen Augen gesehen hat, kann man das nicht mehr rückgängig machen. Man kann die Wahrheit nicht wieder vergessen, wenn man sie einmal geschmeckt hat. Diese Erfahrung ist jetzt Teil meines Lebens. Ich glaube, meine Frau und meine Kinder werden merken, dass ich verändert zurückkomme.“ (Rupertusblatt/dpk-krie)
Bilder: eds / Hiva Naghshi
Zur Opernbesprechung In den Himmel über Scherben
Das Interview im Rupertusblatt – www.rupertusblatt.at