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Wie es weiterging mit dem „deutschen“ Mozart

LESEPROBE / STIFTUNG MOZARTEUM / NATIONALSOZIALISMUS

03/03/22 Es ist nicht ganz ungefährlich, einen Text zu isolieren aus einem dickleibigen wissenschaftlichen Buch wie jenem, das im Pustet Verlag erschienen ist: Die Internationale Stiftung Mozarteum und der Nationalsozialismus. Für sich aussagekräftig aber, was Alexander Pinwinkler über die Jahre nach der Nazi-Zeit resümiert.

Von Alexander Pinwinkler

Einige der Proponenten der Stiftung während der NS-Zeit, die im Jahr ihrer Neukonstituierung 1948 noch keine Stelle oder Aufgabe übernommen hatten, kehrten indes bereits in den frühen 1950er-Jahren wieder in sie zurück. Dies galt etwa für Friedrich Breitinger, der 1947 als „minderbelastet“ entnazifiziert und bereits 1952 von der Stiftung für seine Verdienste als Mozart-Forscher mit der „Silbernen Mozart-Medaille“ ausgezeichnet wurde. Selbst Erich Valentin wurde bereits im August 1951 wieder in das Zentralinstitut für Mozartforschung aufgenommen.

Auch auf die Dienste des greisen Heinrich Damisch glaubte die Stiftung weiterhin nicht verzichten zu können. Damisch war im April 1945 aus Wien nach Salzburg geflohen und soll sich dort von einem prononcierten Deutschnationalen und Antisemiten zu einem der „prominentesten Vorkämpfer der österreichischen Kulturbelange“ gewandelt haben. Damisch setzte sich in vorderer Reihe für die Erhaltung jener Teile von Mozarts Wohnhaus am Salzburger Makartplatz ein, die dem Bombentreffer des 16. Oktober 1944 entgangen waren. Im Jahr 1953 wurde er formell auch in das Kuratorium der Stiftung aufgenommen. Damisch brachte sich fortan auch als einer der Anreger und Organisatoren in die Vorbereitungen für das Mozartjahr 1956 ein.

In den späten 1940er- und frühen 1950er-Jahren sorgten die leitenden Verantwortlichen der Internationalen Stiftung Mozarteum für einen restaurativen personalpolitischen und ideologischen Rückbruch in die Zeit vor 1938. Es kam zu keiner (selbst-)kritisch orientierten Auseinandersetzung mit der Involvierung der Stiftung in die Kulturpolitik des „Dritten Reiches“. Diese hätte zweifellos auch eine Aufarbeitung der bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden, deutschnational geprägten Geschichte der Kulturinstitution umfassen müssen. In den Nachkriegsjahrzehnten erschien der Nationalsozialismus als eine episodenhafte „politische Umwälzung“, welche die Stiftung zwar äußerlich gestreift, deren ethisch-kulturell verinnerlichten Traditionen aber nicht berührt habe. Dem widerspricht der empirische Befund, dass die Kulturinstitution „Stiftung Mozarteum“ sowie staatliche Herrschaftsträger wie der Reichsgau Salzburg oder die Gauhauptstadt Salzburg einander als symbolische Ressourcen begriffen und sie wechselseitig voneinander zu profitieren suchten.

Während für das NS-Regime der propagandistische Wert der Kulturinstitution „Mozarteum“ im Vordergrund seiner kulturpolitischen Erwägungen stand, verstand es die Stiftung selbst, ihre um den Mozart-Kult kreisenden Arbeitsbereiche in den Jahren 1938 bis etwa 1942/43 sukzessive auszubauen. Dass die vormals weit über die österreichischen Grenzen hinaus angesehene Kulturinstitution dabei ihre internationale Ausstrahlung weitgehend verlor, hinderte die leitenden Funktionäre der Stiftung nicht daran, sich den ideologischen Vorgaben der Nationalsozialisten anzupassen und entsprechende kulturpolitische Praktiken, welche die NS-Herrschaft stützten, selbst anzuwenden.

Der institutionelle Rückbruch der 1950er-Jahre hatte wesentlich damit zu tun, dass die meisten derjenigen, die in den 1930er- und 1940er-Jahren in der Stiftung tätig gewesen waren, nach dem Abschluss der Entnazifizierung und der Wiedereinsetzung des Kuratoriums im Jahr 1948 von dieser faktisch reaktiviert bzw. symbolisch sukzessive via Ehrungen reintegriert wurden. Das forcierte Anknüpfen an die Zeit vor der NS-Herrschaft in Österreich wird nicht zuletzt auch dadurch ersichtlich, dass Frauen innerhalb der Stiftung weitgehend marginalisiert wurden.

Musikwissenschaftlerinnen wie die nationalsozialistisch belastete Marlise Hansemann-Heumann oder Elisabeth Luin, die im faschistischen Italien Erfolge als Forscherin feierte, hatten zwar in der NS-Zeit keine herausgehobenen administrativen Funktionen für die Stiftung ausgeübt; sie konnten aber im Rahmen der Kulturinstitution zumindest in ihren jeweiligen wissenschaftlichen Tätigkeitsfeldern aktiv sein.

Die führenden männlichen Repräsentanten der Internationalen Stiftung Mozarteum waren vielfach patriarchalischen bürgerlichen Konventionen verhaftet, die ihre Wurzeln in der bürgerlichen Vereins- und Familienkultur des 19. Jahrhunderts hatten. Im Vereinsleben der Stiftung dürften Frauen daher noch in den 1950er-Jahren am ehesten als Ehegattinnen an der Seite jener Männer in Erscheinung getreten sein, die in ehrenamtlichen Positionen im Dienst der Stiftung standen. Ein wesentliches Element der Kontinuität symbolisierten in dieser Hinsicht vor allem die „Mozarteumsfamilien“ Gehmacher, Hummel und Spängler: So war Erna Gehmacher ebenso Mitglied der Stiftung wie Anna und Dora Hummel, die Ehefrauen der Brüder Josef und Walter Hummel. Die weiblichen Familienangehörigen von Carl, Josef und Richard Spängler, Katharina, Elfriede und Margarethe, wurden im Stichjahr 1950 hingegen nicht als Mitglieder der Stiftung geführt.

Nach 1945/48 stand somit keine intellektuelle Neuorientierung, sondern der intern als „Wiederaufbau der Stiftung“ codierte „Rückbruch“ im Vordergrund ihrer kulturellen Bestrebungen wie auch ihrer Selbstdarstellung. Vom mental tief verinnerlichten großdeutschen Denken und dem weithin verdrängten völkischen Rassismus der Zwischenkriegs- und der Kriegszeit schien gleichwohl nur eine kurze Wegstrecke zum forciert zelebrierten „Weltbürgertum“ des Jahres 1956 zurückzulegen zu sein. Der damals gefeierte 200. Geburtstag Wolfgang Amadé Mozarts ermöglichte es den Stiftungsfunktionären, eine von ihnen selbstbewusst als solche bezeichnete „Weltfeier“ auszurichten, die sie mit den neu etablierten „Mozart-Festwochen“ im Jänner 1956 beginnen ließen. Die Stiftung erhob dabei den ausgreifend formulierten Anspruch, „einen Zusammenklang zwischen den Feiern in der Geburtsstadt Salzburg mit denen in der ganzen Kulturwelt herzustellen“. Während etwa 1941 beim letzten „Mozart-Gedenkjahr“ noch die angebliche „Deutschheit“ Mozarts unter Beteiligung der Stiftung zelebriert worden war, inszenierte sie den Salzburger „Genius loci“ nunmehr als einen „Europäer“, dessen kulturelle Mission mehr denn je verbreitet werden sollte.

Die Internationale Stiftung Mozarteum und der Nationalsozialismus. Politische Einflüsse auf Organisation, Mozart-Forschung, Museum und Bibliothek. Hrsg. von Alexander Pinwinkler und Oliver Rathkolb, im Auftrag der Internationalen Stiftung Mozarteum. 456 Seiten, Anton Pustet Verlag Salzburg 2022, 49 Euro – www.pustet.at
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Pustet
Zur Hintergrund-Geschichte „Vorwärts mit Mozart für Deutschland“

 

 

 

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