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Messen über die Liebe und den Krieg

PFINGSTFESTSPIELE / SAVALL

07/06/22 Wer kennt die spanischen Renaissance-Meister Cristóbal de Morales und Francisco Guerrero? Beide wirkten im 16. Jahrhundert in Sevilla, ersterer auch in Rom, wo beider Messen im Druck erschienen. Der bewundernswerte, bald 82jährige Jordi Savall erinnerte am Pfingstmontag in der Kollegienkirche nachhaltig an eine weniger bekannte Epoche der Musik Iberiens.

Von Gottfried Franz Kasparek

Der Kirchenraum ist diesmal nicht mit Akustiksegeln behängt, was der klanglichen Wirkung der kontrapunktisch fokussierten, in ihrer klar tönenden Architektur eindrucksvollen Missa mille regretz a 6 von Morales und der vielschichtigen Missa de la batalla escoutez a 5 von Guerrero keinen Abbruch tut – zumindest, wenn man relativ weit vorne sitzt.

Jordi Savall, der die Matinee dirigiert, erinnert selber an einen Renaissancemaestro oder auch an einen Musiker des späten 19. Jahrhunderts. Er lässt den Nachhall gekonnt mitspielen. Handverlesene Herrengruppen der „Capella Reial de Catalunya“ und des Ensembles „Hespèrion XXI“ widmen sich mit Stillgefühl und Charisma den Stücken. Zunächst sind es lediglich neun Sänger, drei Countertenöre, drei Tenöre, ein Bariton und zwei Bässe, die der liebevollen Zeichengebung Savalls folgen, begleitet vom Organisten Daniel Oyarzábal. Beide Werke sind ja „Parodiemessen“ unter Verwendung französischer Chansons, im Falle von Morales nach Mille regretz (Tausendfaches Bedauern) über eine verlorene Liebe; angeblich war dies das Lieblingslied Kaiser Karls V. Der Glaube wirkt tröstlich  und die kunstvolle Polyphonie hebt das Irdische ins Jenseitige.

Guerrero dagegen verwendete La Bataille de Marignan, einen eigentlich üblen „Propagandasong“ über eine gewonnenen Schlacht des „noblen“ Franzosenkönigs Franz I., doch Guerrero tat dies als Untertan Karls nicht nur in die Sache umdrehender Weise, sondern schuf einen eigentümlichen Subtext mit seiner phantasievollen Musik. Da lässt sich in der Tat, um den Programmheftautor Carsten Niemann zu zitieren, „eine ebenso hintergründige wie sarkastische Warnung“ heraushören, „militärische Siege und Niederlagen religiös zu vereinnahmen.“ Dies ist leider schrecklich aktuell geblieben...

Zu den Sängern und der Orgel kommt in Guerreros Messe in der Kollegienkirche ein ebenfalls rein männliches Sextett mit Zink, Schalmei (da ist offensichtlich ein Herr für die einzige Dame eingesprungen), alten Posaunen, Dulzian und Kontrabass, welches einen wundersam balsamischen Klang entstehen lässt. Der große Applaus des Publikums wurde von den Musikern mit dem Circumderunt me aus einer Totenmesse von Morales beantwortet. Jordi Savall widmete diese Zugabe ausdrücklich dem ukrainischen Volk. 

Bilder: SF / Marco Borelli

 

 

 

 

 

 

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