SCHAUSPIELHAUS / FERDINAND RAIMUND – DER GANZE!

06/11/25 Verliebt, verlobt verheiratet. Das passiert hier in Minutenschnelle. Das Paar könnte ungleicher nicht sein. Ferdinand Raimund und die Liedermacherin Anna Mabo. 206 Jahre Altersunterschied. Was soll's? Ferdinand Raimund – Der Ganze! im Schauspielhaus Salzburg ist ein wirbeliger Musical-Unfug mit überraschendem Tiefgang. Ein fulminanter Spaß obendrein.

Von Reinhard Kriechbaum

Da stehen sie einander im Blumenladen, pardon, „Blumenfachgeschäft“ gegenüber und verlieben sich Hals über Kopf ineinander: Ferdinand Raimund in der Gestalt von Isabella Knöll, einer zierlichen Dame mit unbändigem Temperament und mächtiger Röhre. Und Anna Mabo alias Vincent Sauer, anderthalb Köpfe größer, ein bisserl schlacksig, mit Schnurrbart, und auch kein Kind von Traurigkeit. Die „echte“ Anna Mabo ist als Musikerin und Sängerin omnipräsent.

In den imaginären Laden mit Plüschblumen – ein Kaktus hört auf den Namen Fortunatus Wurzel – schneien gleich mal ein paar Figuren aus Raimunds Zaubermärchen herein und wir ahnen schon: Diese Liebesbegegnung aus der Distanz von mehr als zwei Jahrhunderten wird kaum konfliktfrei abgehen, wenn sich nicht Feen und andere faule Zauberer aus der Raimund'schen Stücke-Welt aktiv einbringen.

Anna Marboe/Anna Marbo ist hier nicht nur Wiener Liedermacherin, sondern bringt sich als Song- und Theatertext-Schreiberin, Regisseurin, Sängerin und Schauspielerin in Personalunion ein. Sie und Vincent Sauer haben das Buch zu Ferdinand Raimund – Der Ganze! geschrieben. Im Untertitel: Das Musical. Eine Liebesgeschichte. Es ist eine Koproduktion vom Wiener Rabenhof Theater mit dem Schauspielhaus Salzburg.

Auf einem roten Pferd reitet Anna Marboe herein. Auch wenn sie als erstes das Publikum auf seine Raimund-Kompetenz testet: Ferdinand Raimund – Der Ganze! ist alles andere als ein Bildungsprogramm. Anna Marboe hat sich durch den gesamten Raimund geackert. Acht Stücke sind's. Bringen Sie, liebe Leserinnen und Leser, auf Anhieb mehr als vier oder fünf zusammen? Hier werden Motive und Figuren durcheinander gewirbelt, aber die Szenen helfen dann doch eindeutig der Erinnerung nach. Angeblich, so sagt die Stückeschreiberin einmal ans Publikum gewandt, ist die Chronologie der Stücke gewahrt. Und genau darum gibt es nach gut einer Stunde eine Unterbrechung (aber keine Pause). Denn mit der Unheil bringenden Zauberkrone (schon mal gehört den Stücktitel?) hätten sie beim besten Willen nichts anzufangen gewusst. Das Stück ist nicht zu Unrecht in der Versenkung verschwunden. Aber weil's eben der ganze Raimund sein soll, holt man dafür schnell ein Flipchart auf die Bühne. So ein Durcheinander an Notizen, und dazu ein wüstes Gebrabbel der beiden Bühnendarsteller und der drei Musiker!

Wer was spielt, das ändert sich oft im Minutentakt. Nicht nur Anna Marbo legt dann den E-Bass weg und findet den Weg auf die Bühne. Auch der Cellist Clemens Sainitzer und der Schlagzeuger Alexander Yannilos verlassen den „Orchestergraben“, also die Grube linksseitig der Bühne, immer wieder. Es braucht für Raimund ja gar viele Zauberwesen.

Die drei Musiker hanteln sich lustvoll und voller Anspielungen durch unterschiedliche Musikstile. Anna Marbo macht mit ihrer wandlungsfähigen und doch unverwechselbaren Stimme aus allem etwas Ur-Eigenes, auch wenn sie eines der vertrauten Couplets durch die Mangel dreht. Der Verschwender kommt beispielsweise als Rap daher.

Hier ist nicht der Ort, all die Haken der Handlung und die Bühnenturbulenzen zu beschreiben. Am besten, man lässt sich eindreiviertel Stunden lang überraschen von dieser Produktion, die sich auszeichnet durch enormes kreatives Potential. Sie besticht auch mit Bühnen-Handwerk. Fabelhaftes Timing nicht nur in den Musiknummern, auch der szenische Slapstick sitzt punktgenau. Und der Wortwitz trifft. Es ist nicht wenig Text, der da auf einen einprasselt. Immer wieder echte Raimund-Einsprengesel, aber viel mehr Heutiges in vielfältiger Sprache. Junges Publikum sollte sich, auch wenn es noch nie in einem echten Raimund-Stück gesessen ist, genau so angesprochen fühlen wie Theater-Kenner, die allerlei hinterhältigen Humor aufstöbern können.

Was erzählt uns Anna Marboe mit ihrem wüsten und zugleich fulminant unterhaltenden Raimund-Streifzug? Dass Liebesbeziehungen und Heiratssachen heutzutage nicht weniger kompliziert sind als zu Raimunds Zeiten. Dass man sich nicht selten die Hilfe von Feen und Zauberern herbeiwünscht. Und dass nicht nur für die Liaison zwischen einem Dichter und einer Liedermacherin ein Satz von Raimund allemal gilt: „Am Ende versuchen doch alle immer das Gleiche. Sich einen Reim auf die Liebe zu machen.“ Aber Achtung: „Nur weil sich alles hier reimt, ist es nicht ironisch gemeint.“ Auch wenn sich Busen auf Musen reimt.

Der weibliche Raimund und seine männliche Spät-Verehrerin Anna Marbo drohen sich ja gelegentlich auseinander zu leben, wie echte Ehepaare. Die Reise in den Urlaub führt nicht in den sonnigen Süden, sondern auf einen Campingplatz im niederösterreichischen Gutenstein. Deutlich weniger sexy als Italien, auch wenn die Bühnen- und Kostümbildnerin auch für diesen Ort eine popige Bilderbuch-Szenerie zaubert, in die man sich verlieben könnte.

Aufführungen bis 23. November 2025 – schauspielhaus-salzburg.at
Bilder: Rabenhof Theater / Ingo Pertramer