THEATER ECCE / KING LEAR

12/09/25 Wie die Regierung trotz Sparkurs zu einem ordentlichen Budget kommen könnte, das könnte sie vom Theater ecce lernen. Es bringt seinen Shakespeare mit reduzierten Ressourcen eindrücklich auf die Bühne. Lear redet Arabisch. Das ist egal – spricht er doch von vorneherein als alter Narr in eigener Sache.

Von Erhard Petzel

König Lear als arabischer Patriarch, der seine Autorität mit der Macht abgibt und die Welt nicht mehr versteht: Die klare Aufführung des Theaters ecce im ehemaligen CineplexxCity überzeugt in der Regie Reinhold Tritschers Er hat zusammen mit dem Ensemble die Textfassung erstellt. Bejubelte Premiere war am Donnerstag (11.9.)

Wird bei geschickter Dramaturgie Personal eingespart, kann das für Klarheit und Verständlichkeit sogar von Vorteil sein. Dennoch wäre dazu dem Bühnenpersonal deutliche Bühnensprache ans Herz zu legen. Eine solche wird sicher gepflegt, doch ist der voll besetzte Raum im ehemaligen CineplexxCity in seiner Tiefe nicht zu unterschätzen: Es sollte der Tendenz entgegen gearbeitet werden, bei intimen Aussagen Lautstärke und Sprachdruck zu reduzieren. Wohltuend dennoch der Verzicht auf Verstärkung bei den Liedern, sodass diee sich immer nahtlos ins Geschehen fügen.

Die Hauptarbeit entfällt auf Daniela Enzi, die den treuen Kent – und nach dessen Rausschmiss – den Cajus und den Narren spielt. Sie kann den Widerspruch zwischen altem Getreuen und jähzornigem Rächer gut verbinden und macht auch gute Figur als lustige Figur.

Da spielt ihr Reinhold Gerl als schnöseliger Oswald in die Hände und wird ein stimmiger Konterpart als Botschafter im Kampf um Einfluss am Hofe Regans. Regan und Goneril sind die um Schmeichelworte nicht verlegenen Töchter Lears: Kristin Henkel und Marena Weller sind zwar in den Kostümen von Elisabeth Strauß als unterschiedliche Persönlichkeiten, in ihrer radikalen Ausrichtung auf ungeteilten Machterwerb hingegen wesensverwandt gezeichnet.

Im Kontrast dazu steht Cordelia, die jüngste Tochter Lears, und bis dessen „Liebesbeweis-Wettbewerb“ seine Lieblingstochter. Katharina Lehner überzeugt mit der verschüchterten Konsterniertheit, mit der sie den Wutanfall ihres Vaters über ihr (tatsächlich nicht sehr geschicktes) Kompliment über sich ergehen lässt. Tiefes Erröten inbegriffen. Völlig enterbt, nimmt sie der französische König dennoch zur Frau. Die Brautwerber präsentieren sich per Video-Schaltung, bevor die Leinwand aufgegeben wird und sich in die tiefe Hintergrundbühne von Alois Ellmauer öffnet.

Und damit landet man bei Lear, einem typischen Shakespeare-Monster. Was soll man mit einer Figur anfangen, die bis dato unumschränkter Herrscher war, in ihrer lächerlichen Eitelkeit Komplimente einfordert und Lieblingstochter und treuen Höfling verbannt? Salim Chreiki zeichnet von Beginn an den dementen Greis mit leicht debilem Lachen. Er hat seine natürliche Autorität schon verloren, als er sich von den Töchtern schmeicheln lässt. Er ist schon verrückt, als er Cordelia enterbt. Seine Wut ist hilflos und schlägt in opportunistische Unterwürfigkeit um, beim Versuch, den Unbilden im Haushalt der einen Tochter bei der anderen zu entgehen.

Lear ist zunächst eine stattliche Erscheinung in Weiß, doch mangelt es ihm an Würde, sobald ihm nicht gehuldigt wird. Dass Chreiki seinen Part arabisch spricht, fällt tatsächlich nicht ins gewicht (abgesehen von der projezierten Übersetzung), spricht er doch von vorneherein als alter Narr in eigener Sache.

Bleiben noch die Gloucesters als Vorlage einer Familienintrige für Schillers Räuber. Als intriganter Verräter an Bruder und Vater brilliert Jurij Diez als Edmund. Mittels gefälschter Briefe mausert er sich vom Bastard zum Erben und schaltet auf der steilen Karriereleiter eiskalt seinen Vater (Gerard Es) aus. Kann er sich zunächst noch aussuchen, mit welcher der beiden Töchter Lears er an die Macht kommen will, scheitert er an der Rache seines Bruders Edgar (Raphael Steiner), nachdem dieser sich als Bettler Tom vor Verfolgung hatte schützen müssen. Mangels Personal wirkt sich die Straffung der Handlung gerade zum Schluss zu beschleunigend aus. Trotzdem kommt es ungestört zum finalen großen Sterben, in dem Edgar als Lichtfigur übrig bleibt. Er, der als Verrückter den Blinden führte, erbt mit der Macht den Fluch der Zeit... Eine recht aktuelle und zeitlose Metapher. Bleibt noch zu erwähnen die anschmiegsame Musik Gernot Haslauers für Lieder, Melodrame und Stimmung.

King Lear – Aufführungen bis 3. Oktober – www.theater-ecce.com
Bilder: Foto Flausen