SCHAUSPIELHAUS / DER FISKUS
12/05/26 Wehe, wenn der „Stempel mit dem bösen Smiley“ zum Einsatz kommt! Dann hat die Kundschaft ein echtes Problem. Aber es geht in der Finanzamts-Satire Der Fiskus von Felicia Zeller auch anders: Schließlich ist „qualifiziertes Durchwinken“ ein erprobter Weg, wenn der dienstliche Stress für die beamteten Staatsdiener gar zu unerträglich wird.
Von Reinhard Kriechbaum
Rund geht’s sowieso in diesem Amt. Eigentlich brauchte man keine Fälle mehr von außen, die vier Handelnden (eine fünfte Figur, die Steuerprüferin, hat man für die Aufführung im Schauspielhaus Salzburg rausredigiert) genügen einander selbst als Unruhestifter. Da sind vor allem die ewigen Widersacherinnen Bea und Nele. Bea (Johanna Sophia Baader) ist Herz und Seele in diesem Zahlen-Kontrollbüro. Geradezu die Allegorie der Steuer-Gerechtigkeit. Sie kennt und pariert wirklich jeden der Schliche, mit denen die Leute so daher kommen. Trotzdem ist sie „nach dreißig Jahren immer noch Amtsrätin“, wogegen es andere viel schneller zum Hofrat gebracht haben. Und nun ist ihr auch noch die Kollegin Nele (Sophia Fischbacher), die selbstbewusst auf Bleistiftabsätzen daher stakst, direkt vor die Nase gesetzt worden!
Es menschelt gewaltig in dieser Dienststelle. Nur gut, dass es um die Haustechnik schlecht steht und ein Blackout immer wieder dafür sorgt, dass Nele im Lift stecken bleibt. So werden die Streit-Hennen manchmal doch getrennt.
Die weiteren Akteure in dem infernalischen Quartett der Steuererklärungs-Kontrollore sind Elfi und Reiner (Anna Hübner, Wolfgang Kandler). Jede Begegnung krönen die beiden mit einem Kuss. Die Begeisterung der Jungverheirateten füreinander hat durchaus auch fiskalische Gründe. Ihr Eheglück fußt auf mit Insiderwissen aufgepeppten Steuerabschreibungsmodellen. Das Steuerklassen-Eheglück wird freilich arg ramponiert, als ein Foto der neuen Abteilungsleiterin und Reiner beim vertraulichen Tête-à-Tête im Amt viral geht. Scheidung hieße freilich Abschied von der besten Steuerklasse...
Es ist ein scharfzüngiges und grotesk zugespitztes Behördenporträt, für den Felicia Zeller 2020 auch prompt für den für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert wurde. Ihre Texte zeichnet hohe Musikalität aus, und auch in diesem Stück lässt sie Sätze oft und oft abreißen – das Publikum weiß schon, was da kommen soll und macht sich seinen Reim drauf, dass das, was wir so sagen, oft recht floskelhaft daher kommt. Gilt nicht nur fürs Amtsdeutsch, auch für den privaten Umgang miteinander, der hier ja ausgiebig persifliert wird. Das mag man auch als Schwachpunkt des Stücks Der Fiskus empfinden: Die „Außenbeziehungen“ des Amtes bleiben eher unterbelichtet, dafür wird der interne Hickhack in 75 Minuten Länge mal Breite durchgenommen.
Die Regisseurin Verena Holztrattner setzt jedenfalls auf eine Komponente, die alle Texte von Felicia Zeller auszeichnet: Rhythmus und Musikalität. Und so münden in der temporeich aufbereiteten Satire viele Szenen in couplet-artige Gesangsnummern, mal mehr Chanson, dann wieder mehr Pop oder zündende Pop-Verschnitte, immer mit witzigen Refrains. Diese Lyrics, die gut zu Felicia Zellers Persiflage passen, hat sich die Regisseurin ausgedacht. Vor allem Johanna Sophia Baader trumpft als charismatische Rock-Röhre auf, aber die ganze Gruppe bildet ein Gesangsensemble, das man herzeigen kann. Es ist ein rechtes Pointenfeuerwerk in Wort und Ton.
Die Neo-Abteilungsleiterin Nele, die mehr am Kennenlernen eines potentiellen Ehepartners denn an der Prosperität der fiskalischen Einnahmen interessiert ist, hat eine gute Idee, wie man Beruf und Privatleben verbinden könnte: „Partnervernittlung anhand der Kapitalerstragssteuer-Anträge“ – da sollten wohl die Verwandten im Geiste zusammenfinden. Und die arme Bea, die geradezu fanatisch von Pflichtbewusstsein hinsichtlich ihrer Beamten-Mission erfüllt ist? Die bekommt zuletzt eine Einladung aus der Schweiz, wohin sich ein Ex-Kollege offenbar gerade rechtzeitig abgesetzt hat. Vielleicht doch eine gute Idee, Land und Seiten zu wechseln.
Aufführungen bis bis 26. Juni 2026 im Studio des Schauspielhaus Salzburg – schauspielhaus-salzburg.at
Bilder. SHH / Erika Mayer