SCHAUSPIELHAUS / MARIE ANTOINETTE

27/04/26 Sage und schreibe zweitausend Nächte – und immer noch „rien“. Kein Wunder. War Marie Antoinette, die jüngste Tochter Maria Theresias doch bei Eheschließung noch ein vierzehnjähriges Kind und der Dauphin, der spätere Ludwig XVI., mehr an der Jagd interessiert als an Frauen. Und da gab es noch eine Kleinigkeit...

Von Reinhard Kriechbaum

Diese Kleinigkeit anatomischer Art stand der Zeugung eines Thronfolgers entgegen und war angeblich sogar Anlass, dass Marie Antoinettes Bruder Joseph II. auf heikle diplomatische Mission nach Paris ging. Glaubt man Stefan Zweig und seiner Biographie Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters, dann hat er seinen Schwager, dem französischen König, zum chirurgischen Eingriff gegen die Phimose geraten. Dieses Gespräch unter Männern ist eine der witzigsten Szenen in der Dramatisierung des Stoffes durch Nils Strunk und Lukas Schrenk, die am Freitag (24.4.) im Schauspielhaus Salzburg ihre rechtens bejubelte Uraufführung erlebte. Wie da Joseph II. (Fabian Cabak) mit zaghaften Wortspielen und Freud'schen Versprechern auf den königlichen Kollegen und Schwager (Alex Kapl) einredet, während ein Bedienter mit Gartenschere und Laubbläser hantiert...

A propos Sigmund Freud: Nicht nur von Historikern, auch von ihm hat Stefan Zweig in Sachen Maria Theresia seinerzeit größtes Lob bekommen. Zweigs Biographie ist bis heute weder von der historischen Forschung noch hinsichtlich der psychischen Befindlichkeit der 1793 guillotinierten Marie Antoinette korrigiert worden. Sie ist beispielhaft recherchiert. „Die seelische Wahrheit liegt meist nahe der Mitte“, heißt es bei Zweig, und diese Mitte entspricht wohl dem „durchschnittlichen Charakter“, den jetzt auch die Theaterleute Nils Strunk und Lukas Schrenk in Salzburg herausarbeiten. Letztlich geht es darum, wie aus einem „normalen“ Kind durch Etikette und gesellschaftspolitische Extremsituationen das zum Monster stilisierte Feindbild eines Volkes wurde. Sowohl Zweig als auch seinen Bühnenbearbeitern jetzt fehlt(e) es nicht an Sympathie für die Porträtierte.

Nils Strunk und Lukas Schrenk bleiben mit einem Trick ganz nah am Text von Zweig. Da sitzt Theo Helm als Museumsaufseher und liest halblaut im Buch. Auch die Museumsbesucher haben Zweig im Audioguide. Wie spielerisch kippen die heutigen Menschen hinein in die vielen, vielen Rollen eines Historiendramas. Theo Helm zum Beispiel ist auch Ludwig XV., auch der zwielichtige Kardinal von Rohan, der in der „Halsbandaffäre“ eine entscheidende Rolle spielen wird. Und dann sogar Stimme der Revolution, mit Gitarre in der Hand.

Nicht weniger als 82 Rollen sind es angeblich, die auf sechs Leute aufgeteilt wurden. Nicht einmal die Hauptfigur darf nur sie selbst sein, sie betritt als Museumsbesucherin die Bühne und wird sie auch so wieder verlassen. Elisabeth Kanettis ist Marie Antoinette, die erst als ausgelassenes Mädchen herumtollt (ein Albtraum für ihren Privatlehrer), aber von der recht hantigen, allgegenwärtigen Maria Theresia (Elisabeth Nelhiebel) vehement diszipliniert wird. Elisabeth Kanettis leidet dann mit kindlicher Natürlichkeit unter der Trennung von daheim, unter dem starren Zeremoniell am französischen Hof, unter der Beobachtung und den Dauer-Intrigen, an denen sie freilich auch lernt. „L'Autrechienne“ wird da schnell zum gleich klingenden „L'autre chien“. Die Gräfin Dubarry, Mätresse des Schwiegervaters, hat rasch ausgedient. Christina Tzatzaraki hat nicht nur in dieser Rolle Möglichkeiten, die sie gut zu nutzen weiß.

Das Frauen-Trio Kanettis/Nelhiebel/Tzatzaraki wirkt insgesamt charismatisch. Die drei spiel-launigen Herren, Fabian Cabak, Theo Helm, Alex Kapl dürfen auch ganz große Komödianten sein, wie überhaupt man aus dieser Inszenierung mitnimmt, wie leichtfüßig, mit wie viel Ironie, ja sogar Klamauk man sich einem großen Historienstoff nähern kann.

Da ist zum Beispiel diese köstliche Szene, in der Marie Antoinette und der Dauphin höchst ratlos im Ehebett liegen. Flugs gesellen sich Louis XV und Maria-Theresia dazu und erteilen Ratschläge: eine Mènage à quatre zum Totlachen. Urkomisch auch, wenn Marie Antoinette und der schwedische Kavalier Hans Axel von Fersen (das einzige wirklich einigermaßen greifbare G'spusi der Königin) ein Sofa mit zwei jungen Museumsbesuchern teilen, die darüber diskutieren, welches Foto sie wo auf Social media teilen sollen.

All das verstellt aber nicht den Blick auf die wesentlichen Dinge, auf die politischen Querstände der Epoche und wie diese das Handeln, das Empfinden von Marie Antoinette beeinflusst haben. Vom klar herausgestellten „Verhältnis zwischen Individualschicksal und Weltgeschehen“ sprach Freud in seinem Lob auf die Biographie von Zweig – und das ist auch hier, eingebettet in flauschige Sprünge in die Museumsgegenwart – sehr geglückt.

Drei Stunden zwanzig Minuten (Pause eingerechnet) dauert diese Aufführung, aber man ist nie versucht, auf die Uhr zu schauen. Man ist ja auch hinlänglich beschäftigt angesichts der sekundenschnellen Rollenwechsel. Die Bühne von Max Lindner ist höchst einfach, eine Tapetenwand, eine Tür, ein Paravent, ganz wenige Utensilien – das war's auch schon. Keine Übertreibung, aber Stimmung auch in den Kostümen von Lara Regula und Anne Buffetrille.

Und nicht zu vergessen: Die Musik! Die hat Nils Strunk erdacht. Alex Kapl ist nicht nur Ludwig XVI., sondern auch der Pianist. Immer wird gesungen, bearbeitete oder neu komponierte französische Chansons, die immer nach den ersten französischen Worten ins Deutsch kippen. Das ist dramaturgisch überzeugend eingesetzt, fein durchdacht, leicht ironisierend, die Stimmung bei Bedarf verstärkend oder brechend – ein „musikalisches Schauspiel“ eben, als das es bezeichnet ist und das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Aufführungen bis 30. Juni 2026 – schauspielhaus-salzburg.at
Bilder: Schauspielhaus Salzburg / Erika Mayer