SALZBURGER STRASSENTHEATER
11/07/25 „Doktor, ich bin geheilt!“ Der Therapeut kann das nicht glauben und will seinem bislang verrücktesten Patienten beweisen, dass er keinen Grund hat, sich für geheilt zu halten. Russisch Roulette von Flavia Coste in der Regie von Georg Clementi erfreut als Psycho-Krimi-Komödie beim Salzburger Straßentheater.
Von Erhard Petzel
Die 1973 in Paris geborene Film- und Theater-Autorin Flavia Coste greift auf Theatererfahrung mit Moliere zurück, würtz freilich mit zeitgenössischem Pep. Georg Clementi, der die Fassung für das Salzburger Straßentheater geschrieben hat, findet Stoff für eine spritzige Komödie vor. Eine Warnung vor kritischem Tiefgang ist nicht erforderlich. Es ist ein kurzer und kurzweiliger Spaß, an dem man seine unschuldige Freude haben kann, so man lieber lacht als ein politisch sehr korrektes Setting erwartet. Russisch Roulette ist ohne Bedenken für Familien geeinet, wenngleich Kinder die satirische Haltung hinter Personen und Posen nicht völlig erfassen werden.
Sind beim eingebildeten Kranken die Verhältnisse und Fronten recht klar abgesteckt, sorgt hier ein Vexierspiel zwischen Patient und Arzt für Irritation – ein Vexierspiel, das in seinen Volten und Sprachspielen mit komödiantischen Pointen reichlich aufwartet. Schließlich pflegt der durchschnittliche Bildungsbürger gewisse Vorbehalte gegen Psychotherapeuten, die noch immer gern einmal in die mentale Nähe ihrer Klientel gerückt werden. Das ist wirksam als Zutat von Ressentiment, welches immer einen guten Mörtel für den Bau einer Komödie abgibt.
Pavel Boulier, in Alex Linses Darstellung an den jungen Depardieu erinnernd, ist jedenfalls ein recht schräger Vogel, dessen Aussagen ob ihrer Ernsthaftigkeit wenig vertrauenswürdig sind. Aber er fühlt sich eines Tages ausgezeichnet, als er zur Therapiesitzung kommt. Michel Dupuis, gespielt von Amrito Geiser, nimmt ihm die überraschende Genesung nicht ab. Es entwickelt sich eine absurde Dynamik, die den Therapeuten verrückter erscheinen lässt als den Patienten. Der Abgang nach Kündigung der Therapie wird allerdings ständig widerrufen. Etliche Stimmungs-Umschwünge und Haltungseigenwilligkeiten später wird das Geschehen zur Mordgeschichte und ein Revolver zum Lieblingsgegenstand: Diesen in der Hand hat einst die eigene Mutter eine Todesdrohung ausgestoßen...
Diese Szene wird prompt als Familienaufstellung nachgespielt, der Therapeut unter vorgehaltener Waffe zum Rollenspiel gezwungen. Dass die Tragödie nicht unbedingt in dieser Konsequenz verstanden sein muss, erweist sich in der vermeintlichen Erschießung des Therapeuten. Glück oder Berechnung? War es tatsächlich die leere Trommel im Russischen Roulette oder gab es gar keine echte Munition? Jedenfalls täuscht Dr. Dupuis seinen Tod nur vor. Genau wie ein Telefonat, das seinen Patienten zur Verabredung in ein Lokal lockt, woselbst ihn statt eines vmeintlichen Stars nur Pflegepersonal vorfindet, das ihn in eine Klinik einliefert...
Charlotte Steidl hat als Krankenschwester in der Fassung und Inszenierung von Georg Clementi eine kleine Rolle und sich selbst als Regieassistenz verdient gemacht. Anja Clementi und Eric Lebeau sind hauptsächlich als Chansoniers zugegen, unterwegs mit Gitarre, Waschbrett-Percussion und Kazoos. Die sparsame Bühne – wegen des Wetters zur Premiere am Donnerstag (10.7.) nicht auf der Festwiese sonder im Gewölbe des Stiegl Bräus – ist von Harald Schöllbauer und Alex Linse gestaltet. Zwei Stühle und ein kleiner Aktenschrank reichen da im Wesentlichen. Simon Barths Kostüme kratzen nicht an der alltäglichen Situation zwischen einem Klienten und seinem Therapeuten, wenngleich der glänzende Stoff von Bouliers Hemd seine euphorische Stimmung gezielt unterstreicht. Herzliche Zustimmung im Publikum.