FESTSPIELE / VIA CRUCIS
22/07/26 Vertonungen des Kreuzwegs? Da fällt einem spontan Joseph Haydn ein. Franz Liszt wohl erst nach einigem Überlegen. Dessen Via Crucis, komponiert in den späten 1870er Jahren, hat fünfzig Jahre – bis 1929 – auf die Uraufführung warten müssen und ist auch seither nicht wirklich populär geworden.
Von Reinhard Kriechbaum
Dass Via Crucis gar so selten aufgeführt wird, liegt vielleicht daran, dass Pianisten natürliche Ehrfurcht haben vor Liszt. Anders gesagt: dass sie den tastentigerischen Anspruch schon bei Nennung seines Namens scheuen, ohne erst in die Noten zu schauen. Das Werk – ein meditativer Vorüberzug an vierzehn Stationen des Kreuzwegs für Solostimmen, Chor und Klavier – ist nämlich gar nicht so unbewältigbar. Der zum Abbé geläuterte Klaviervirtuose (Liszt empfing die „niederen Weihen“, nach heutigem Verständnis war er Ständiger Diakon) komponierte gegen Lebensende geistliche Werk, die man durchaus „praxistauglich“ nennen könnte. Auch Via Crucis hält keine unüberwindlichen Schwierigkeiten für einen einigermaßen ehrgeizigen Chor und einen besseren Pianisten bereit.
Die Wiedergabe im Spätabend-Konzert am Dienstag (21.7.) in der Kollegienkirche war freilich mit dem Vokalensemble Vox Luminis unter Lionel Meunier und mit der kurzfristig für den erkrankten Francesco Piemontesi eingesprungenen Yulianna Avdeeva geradezu luxuriös besetzt. Da konnte man sich so recht einlassen auf die Bildkraft eines Kreuzwegs, den Liszt höchst unorthodox im Musik übersetzt hat.
Da geht es also mal um die „Schlagzeile“, um die Titel der Kreuzwegstationen, etwa „Iesus cadit“ (Jesus fällt unter dem Kreuz), „Crucifige“ (Kreuziget ihn) oder „Consummatum est“ (Es ist vollbracht. Die Worte Jesu sind einem Tenor anvertraut, andere dieser Titel singt der Männerchor unbegleitet einstimmig. Das Klavier trägt charakterstück-artige Zwischenspiele bei, einige Kreuzweg-Meditationen sind dem Tasteninstrument allein anvertraut. Chor mit Klavierbegleitung am Anfang und am Ende. In archaischer Einstimmigkeit zu Beginn der Hymnus „Vexilla regis“, am Ende im Wechselgesang von Sopransolo und Chor das „Ave crux“.
Dazwischen ist Platz für vertraute protestantische Kirchenlieder, die zur Liszt-Zeit längst Eingang in die katholische Glaubenspraxis gefunden hatten: harmonisch ganz schlicht „O Haupt voll Blut und Wunden“, harmonisch üppigst angereichert hingegen „O Traurigkeit, o Herzeleid“. Die drei Stationen, die Jesus Fallen unter der Kreuzeslast zeigen, pariert ein dreistimmiger Oberchor jeweils mit einem innigen „Stabat mater dolorosa“.
Das alles hat Vox Luminis mit der diesem Ensemble eigenen Homogenität und Tonschönheit, wo nötig auch mit Nachdruck, ja mit Wucht übermittelt. Yulianna Avdeeva wusste jeweils sehr genau in Chroma und Gewicht einzuhaken. Sie ist nicht nur eine Chopin- und Schostakowitsch-erprobte Solistin, sondern auch eine gefragte Kammermusik-Partnerin. So wusste sie genau um die nötige Balance zwischen pianistischem Selbstbewusstsein und dem gleichgewichtigen vokalen Geschehen. Charakterstücke wie zur Begegnung Jesu mit seiner Mutter oder zur Kreuzabnahme hat sie mit betörender Feinfühligkeit ausgemalt.
Stil-Konfrontationen auch in diesem Konzert: Am Beginn und am Ende stand je eine der Rosenkranz-Sonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber, Die Kreuzigung und Die Auferstehung. Die so stilkundige wie virtuos geeichte Barockgeigerin Amandine Beyer wurde von einer Continuo-Gruppe begleitet, die Mitglieder von Vox Luminis stellten, Theorbe, Violone Cembalo oder Orgel. Die Rosenkranz-Sonaten – das ist die ideale Musik zur Kollegienkirchen-Architektur Fischers von Erlach. Ton in Ton, sozusagen.
Hörfunkübertragung am 28. Juli um 14.05 in Ö1
Bilder: SF / Marco Borrelli