FESTSPIELE / CARMEN

27/07/26 Wäre da nur der vierte Akt könnte man Gabriela Carrizos Inszenierung von Georges  Bizets Carmen ohne Vorbehalt bejubeln. Wie es am Sonntag (26.7.) ein Großteil des Publikums auch prompt getan hat. Aber in der wagemutigen Produktion, in der die gesprochenen Dialoge gestrichen und durch tänzerisch-pantomimische Aktion ersetzt sind, findet sich doch einiges an Für und Wider.

Von Reinhard Kriechbaum

Dieser Finalakt! Da verwöhnt die Regisseurin das Publikum zuerst einmal Aug und Ohr mit den in leuchtendes Rot gewandeten Chormassen (Utopia Choir, Bachchor Salzburg, Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor), um dann umso präziser das zu zeigen, worauf es ihr eigentlich ankommt in ihrer Sicht auf Carmen. Die kurze Begegnung von Carmen und Escamillo bestätigt: Wieder einmal ist sie, eine eigentlich bescheiden und unaufdringlich sich gebende Frau, an den Falschen geraten. Der übliche Macho. Der Torero macht keinen Schritt zu auf sie, die ihn liebt (und die er wohl eher als weiteren Fan einstuft).

Und dann Carmen allein mit dem innerlich vor Eifersucht rasenden Don José, der jetzt mit einiger Mühe den versöhnlichen Softie raushängen lässt! Obwohl Don José sein Leben für Carmen umgekrempelt hat (wenn auch halbherzig), ist er ja doch als Militär in testosteronschwangerem Milieu sozialisiert worden und kann nicht raus aus seiner Haut.

Der Femizid ist also vorprogrammiert. Wie im echten Leben nicht so selten, wird sich auch der abgewiesene Liebhaber nach der Tat ins Jenseits befördern. Aber da hält die Regisseurin noch eine Pointe bereit, die einem den kalten Schauer über den Rücken jagt. Carmen ist zwar tödlich verletzt, aber noch nicht endgültig hingestreckt. Sie rappelt sich mehrmals auf und wird, so geradlinig wie sie gelebt hat, mit dem letzten Takt Musik aufrecht da stehen, vor dem Horizont der untergehenden Sonne. Vorhang.

Asmik Grigorian ist diese Carmen. Eine Rollendebütantin, die diese Figur wahrscheinlich wirklich nur in dieser Inszenierung, in dieser einen Lesart so glaubwürdig, konsequent, letztlich beeindruckend erfüllen kann. Im ersten Akt hat sie keinen großen Auftritt, sondern ist einfach da, mit Kind an der Hand. Auch noch im vierten Akt wird sie mit den Kindern herumtollen wie eine ganz normale Mutter. Und im dritten sehen wir sie gar als Hirsch-Flüsterin. Als eine, die nicht den nach ihr gierenden Männern Zucker, sondern dem (von einem Balletttänzer gemimten) Tier Wasser gibt.

An einer solch ausgeprägten Gutmenschin vermisst man überhaupt nicht die vertrauten, lasziven Mezzo-Töne, über die Asmik Grigorian eben nicht verfügt. Dafür hat sie viel natürliche Ausstrahlung, erfüllt die vertrauten „Schlager“ mit unaufgesetztem Selbstbewusstsein, mit Selbstverständlichkeit. Dabei wird sie von Teodor Currentzis nach Kräften unterstützt, wie überhaupt der Dirigent die Sängerinnen und Sänger auf Händen trägt. So knallig das Orchestervorspiel dahergekommen ist, lässt Currentzis sein Utopia Orchestra doch aufmerksamst artikulieren, immer in einem Atem mit den Vokalisten. Von den perfekt gelenkten Rubati profitieren auch die Chöre.

Generell nimmt Currentzis die Tempi eher langsam und man erinnert sich an geradezu Harnoncourt'sche Bremsmanöver – immer zugunsten der musikalischen Tiefenschärfe. Die musikalische Feinarbeit trägt darüber hinweg, dass das Utopia Orchestra sich im Orchestergraben dann doch an Spitzenorchestern nicht messen lassen kann. Die Bläser dürfen ihre Soli stehend absolvieren. Auch die Geiger und Bratschisten sind immer wieder aufgefordert, aufzustehen bei Passagen, die dann doch nicht so intensiv herauskommen, wie Currentzis das eigentlich erreichen wollte.

Zum Steinerweichen die Micaëla von Kristina Mkhitaryan, die fast so viel Schlussbeifall bekam wie Asmik Grigorian. Jonathan Tetelman als Don José fand am Premierenabend erst im dritten und vierten Akt zur gestalterischen Vollform. Er ist wohl nicht der Tenor-Strahlemann, den man sich für diese Rolle wünscht. Davide Luciano ist mehr Finsterling als eleganter Torero. Bestens aufeinander abgestimmt Iveta Simonyan (Frasquita) und Anita Monserrat (Mercédès).

Christoph Hetzer hat anstelle der vertrauten Tabakfabrik unter der hellen Sonne Sevillas eine düster-karge Haldenlandschaft auf die Bühne gestellt. Sind die Frauen und das andere Volk unter Tag beschäftigt, in Bergwerksschächten womöglich? Das wird nicht beantwortet – dafür aber die Frage, was eigentlich in den Bergen rund um Sevilla geschmuggelt wird. Es dürfte um Rauschgift gehen, denn in Lillas Pastias Schenke geht es entsprechend zu. Jedenfalls führen sich die Leute dort auf, als ob sie Veitstanz hätten.

Womit wir bei der szenischen Überfülle wären, mit der uns Gabriela Carrizo im Halbdunkel konfrontiert. Sie hat ihre Tanzgruppe (Peeping Tom) dabei, und die zeigt so viel vor, dass man gerne mehr als zwei Augen hätte. Einfälle über Einfälle, teils erhellend und plausibel, teils eigenartig irritierend, ja verstörend. Die Soldaten sind Rohlinge und misshandeln einen geschundenen Zivilisten den halben ersten Akt lang. Dann drückt einer von ihnen einem Buben sein Gewehr in die Hand und lehrt ihn, auf die anderen Kinder zu schießen. So also vererbt man die Rohheiten in der Männerwelt. Wenn Tänzer zwischen „normalen“ Sängern geschundene Kreaturen darstellen, sieht das manchmal manieriert, ja bizarr aus.

Fehlt der gesprochene Text? Eigentlich nicht, Carmen ist bekannt genug, dass wohl alle verstehen, worum es geht. Die Blindstellen werden mit Schlagzeug-Rumoren, Gipsie-Songs, einmal auch mit einer Sequenz aus dem Transistor-Radio gefüllt und dazu gibt’s Bewegungstheater noch und noch. Weniger wäre wahrscheinlich mehr. An der Inszenierung könnte man in dem Sinn weiterarbeiten.

Vor allem im dritten Akt, wo sonst besonders viel gesprochen wird, lässt Gabriela Carrizo es allzu bunt treiben. Zwischendurch geht’s dem Rotwild an den Kragen. Die von Furcht in der fremden Umgebung erfüllte Micaëla wird von einem Tänzer mit leuchtendem Wackel-Heiligenschein begleitet. Und wenn Micaëla Don José von der kranken Mutter erzählt, sehen wir im Hintergrund, wie die alte Dame nackt im Grab versenkt wird. Man kann die Erzählfreude schon übertreiben.

A propos Mutter: Die ist in dieser Inszenierung oft anwesend, schaut beispielsweise in der Kneipe auf das in ihren sonnenbebrillten Augen wohl schändliche Treiben des Sohns. Lillas Pastia ist zur Frau, zu einer uralten Zigeunerin mutiert. In ihren Gesang mischt sich dann das Orchester mit Bizets Musik ein – das hat schon was.

Aufführungen bis 26. August im Großen Festspielhaus – Im Fernsehen am 8. August um 20.15 Uhr in ORF 2 und um 20.45 Uhr auf ARTE – www.salzburgerfestspiele.at
Bilder: SF / Virginia Rota (4); Thomas Aurin (1)